Während die slavischen Sprachen Aspektpaare aufweisen, ist das Deutsche eine Artikelsprache. Diese Unterscheidung des Sprachsystems ist so grundlegend, dass sie auf beiden Seiten für Lernende ein großes Hindernis ist. Gleichzeitig fällt auf, dass bestimmte Sachverhalte, die im Deutschen über den Artikel ausgedrückt werden, in einer slavischen Sprache über die Aspektwahl vermittelt werden. Wird darüber diskutiert, fällt immer wieder der Name der Germanistin Elisabeth Leiss. Sie nahm in einem Aufsatz vor dreißig Jahren eine Beobachtung aus dem Russischen als Anstoß, die These der funktionalen Gleichheit von Artikel und Aspekt aufzustellen. In diesem Debattenbeitrag werde ich zeigen, dass Elisabeth Leiss letztlich auf ein altes Konzept der Sprachwissenschaft gestoßen ist. Denn durch eine sorgfältige Betrachtung von Leiss’ Monographie wird klar, dass sie ihre These zum Ende des Buches entscheidend modifiziert: Artikel und Aspekt sind nicht komplementär verteilt, sondern stellen beide auf jeweils unterschiedliche Arten Definitheit in einer Sprache her. In dem Beitrag zeige ich auf, dass sie damit letztlich – ohne es beim Namen zu nennen – das Konzept der Aktualisierung beschreibt. Diese Erkenntnis zeigt, dass die scheinbare Äquivalenz von Artikel und Aspekt auf einer so tiefen Ebene des Sprachsystems angesiedelt ist, dass Diskussionen über die funktionelle Ersetzbarkeit von Artikel und Aspekt nicht sinnvoll geführt werden können.

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Artikel und Aspekt als Ausprägungen von Aktualisierung

  • Alisa Müller

摘要

Während die slavischen Sprachen Aspektpaare aufweisen, ist das Deutsche eine Artikelsprache. Diese Unterscheidung des Sprachsystems ist so grundlegend, dass sie auf beiden Seiten für Lernende ein großes Hindernis ist. Gleichzeitig fällt auf, dass bestimmte Sachverhalte, die im Deutschen über den Artikel ausgedrückt werden, in einer slavischen Sprache über die Aspektwahl vermittelt werden. Wird darüber diskutiert, fällt immer wieder der Name der Germanistin Elisabeth Leiss. Sie nahm in einem Aufsatz vor dreißig Jahren eine Beobachtung aus dem Russischen als Anstoß, die These der funktionalen Gleichheit von Artikel und Aspekt aufzustellen. In diesem Debattenbeitrag werde ich zeigen, dass Elisabeth Leiss letztlich auf ein altes Konzept der Sprachwissenschaft gestoßen ist. Denn durch eine sorgfältige Betrachtung von Leiss’ Monographie wird klar, dass sie ihre These zum Ende des Buches entscheidend modifiziert: Artikel und Aspekt sind nicht komplementär verteilt, sondern stellen beide auf jeweils unterschiedliche Arten Definitheit in einer Sprache her. In dem Beitrag zeige ich auf, dass sie damit letztlich – ohne es beim Namen zu nennen – das Konzept der Aktualisierung beschreibt. Diese Erkenntnis zeigt, dass die scheinbare Äquivalenz von Artikel und Aspekt auf einer so tiefen Ebene des Sprachsystems angesiedelt ist, dass Diskussionen über die funktionelle Ersetzbarkeit von Artikel und Aspekt nicht sinnvoll geführt werden können.