Die Lösung, die sich im Laufe der Handlung erst allmählich offenbart, nimmt sinnbildlich Freuds theoretische Überlegungen zur Einhegung des Todestriebs vorweg. Nach Freud ist die Triebkraft des Liebestriebs anfänglich ganz im Ich aufgehoben (GWC 17: 72), während zum Reifeprozess des Individuums die Äußerung des Liebestriebs gehört, so dass das Individuum zu „Objekten“ (ebd., 73) also zu Mitmenschen und sonstiger Umwelt Beziehungen aufnimmt, die eine über den Augenblick hinausreichende attraktive Wirkung haben. Eine Blockade dieses Reifeprozesses blockiert in Folge auch das Realitätsprinzip, welches nur wirken kann, solange das Individuum sich auf die Außenwelt einlässt. Es passt daher ins begriffliche Konzept, dass Raskolʹnikov zunächst die Liebe und erst daran anschließend auch das Realitätsprinzip weggibt. Das Handeln der Figur symbolisiert auf diese Weise eine Blockade des Reifeprozesses, die das betroffene Individuum im Zustand des „Narzissmus“ (ebd., 72) verharren lässt. Im Narzissmus ist die Triebkraft des Liebestriebs hochgradig auf das eigene Ich gerichtet, und Beziehungen zur Umwelt sind entsprechend selten, haltlos oder von geringer Bedeutung (vgl. ebd., 72f; ausführlicher Schmidt-Hellerau 2014, 576; Wahl 2014, 601; GWC 10: 137–170). Demnach geschieht eine Einhegung des Todestriebs sowohl durch eine Stärkung des Liebestriebs als auch durch eine Auflösung narzisstischer Dispositionen.

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Das moderne Biotop des Stolzes

  • Nils Meier

摘要

Die Lösung, die sich im Laufe der Handlung erst allmählich offenbart, nimmt sinnbildlich Freuds theoretische Überlegungen zur Einhegung des Todestriebs vorweg. Nach Freud ist die Triebkraft des Liebestriebs anfänglich ganz im Ich aufgehoben (GWC 17: 72), während zum Reifeprozess des Individuums die Äußerung des Liebestriebs gehört, so dass das Individuum zu „Objekten“ (ebd., 73) also zu Mitmenschen und sonstiger Umwelt Beziehungen aufnimmt, die eine über den Augenblick hinausreichende attraktive Wirkung haben. Eine Blockade dieses Reifeprozesses blockiert in Folge auch das Realitätsprinzip, welches nur wirken kann, solange das Individuum sich auf die Außenwelt einlässt. Es passt daher ins begriffliche Konzept, dass Raskolʹnikov zunächst die Liebe und erst daran anschließend auch das Realitätsprinzip weggibt. Das Handeln der Figur symbolisiert auf diese Weise eine Blockade des Reifeprozesses, die das betroffene Individuum im Zustand des „Narzissmus“ (ebd., 72) verharren lässt. Im Narzissmus ist die Triebkraft des Liebestriebs hochgradig auf das eigene Ich gerichtet, und Beziehungen zur Umwelt sind entsprechend selten, haltlos oder von geringer Bedeutung (vgl. ebd., 72f; ausführlicher Schmidt-Hellerau 2014, 576; Wahl 2014, 601; GWC 10: 137–170). Demnach geschieht eine Einhegung des Todestriebs sowohl durch eine Stärkung des Liebestriebs als auch durch eine Auflösung narzisstischer Dispositionen.