Hinsichtlich des Tatmotivs stand die Rezeption des Romans anfangs ganz im Zeichen von Dostoevskijs Ankündigung, dass der Roman von einem Menschen handele, der trotz edler Absichten zum Mörder werde, weil er „aus Leichtsinn und Begriffsverwirrung einigen seltsamen, ‚unfertigen‘ Ideen nachgab, die in der Luft lagen“ („po legkomysliju, po šatosti v ponjatijach poddavšis’ nekotorym strannym ‚nedokončennym‘ idejam, kotorye nosjatsja v vozduche“ PSS 28-2: 136). Damit war die Aufmerksamkeit auf jene Ideologien gelenkt, die im russischen Zarenreich an die lange versäumte Modernisierung von Staat und Gesellschaft appellierten. Als konservativ gewordener Publizist bekämpfte Dostoevskij zeitgenössische Utopien, sofern er in ihnen eine unvermittelte Kopie der fortgeschrittenen Modernisierungstendenzen Westeuropas erblickte (Veldhues 1998, 46–50). Vor diesem Hintergrund bot es sich für den Leser an, Raskolʹnikov als verirrten Fortschrittsjünger aufzufassen, der unbescheiden die ganze Menschheit beglücken und zu diesem Zweck gegen das sechste Gebot (in der russisch-orthodoxen Reihenfolge) verstoßen wollte. Im Sinne dieser Lesart stand lange Zeit das religiös konnotierte Problem von Schuld und Sühne im Mittelpunkt der Rezeption; unter den deutschen Übersetzungen des Romans setzte sich im zwanzigsten Jahrhundert ein entsprechender Titel durch.

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Raskol’nikovs rätselhaftes Tatmotiv

  • Nils Meier

摘要

Hinsichtlich des Tatmotivs stand die Rezeption des Romans anfangs ganz im Zeichen von Dostoevskijs Ankündigung, dass der Roman von einem Menschen handele, der trotz edler Absichten zum Mörder werde, weil er „aus Leichtsinn und Begriffsverwirrung einigen seltsamen, ‚unfertigen‘ Ideen nachgab, die in der Luft lagen“ („po legkomysliju, po šatosti v ponjatijach poddavšis’ nekotorym strannym ‚nedokončennym‘ idejam, kotorye nosjatsja v vozduche“ PSS 28-2: 136). Damit war die Aufmerksamkeit auf jene Ideologien gelenkt, die im russischen Zarenreich an die lange versäumte Modernisierung von Staat und Gesellschaft appellierten. Als konservativ gewordener Publizist bekämpfte Dostoevskij zeitgenössische Utopien, sofern er in ihnen eine unvermittelte Kopie der fortgeschrittenen Modernisierungstendenzen Westeuropas erblickte (Veldhues 1998, 46–50). Vor diesem Hintergrund bot es sich für den Leser an, Raskolʹnikov als verirrten Fortschrittsjünger aufzufassen, der unbescheiden die ganze Menschheit beglücken und zu diesem Zweck gegen das sechste Gebot (in der russisch-orthodoxen Reihenfolge) verstoßen wollte. Im Sinne dieser Lesart stand lange Zeit das religiös konnotierte Problem von Schuld und Sühne im Mittelpunkt der Rezeption; unter den deutschen Übersetzungen des Romans setzte sich im zwanzigsten Jahrhundert ein entsprechender Titel durch.