Während Abtreibungen in den Texten des 18. und 19. Jahrhunderts eher selten vorkommen, wird der Schwangerschaftsabbruch in den Texten des frühen 20. Jahrhunderts beinahe zu einer literarischen Alltäglichkeit. Besonders westliche Romane der 1930er Jahre nehmen sich dem Thema vermehrt an, was oft als direkte Konsequenz einer zusammenbrechenden Weltwirtschaft und einer daraus folgenden ökonomischen Prekarität gelesen wird. Trotz dieser zunehmenden Sichtbarkeit, unter anderem in britischen, aber auch in deutschen und amerikanischen Texten, führt die kritische Literaturrezeption das Thema als Kuriosität. So wird der Schwangerschaftsabbruch lange Zeit entweder als tabubrechende, avantgardistische Literatur verstanden oder als bloße Metapher für ein vermeintlich tiefgründigeres Sujet (Gillette 2012, 666). Die folgende Analyse versucht, literarische Abtreibungen anders einzuordnen. Sie nimmt die britische Literatur der 1930er Jahre als Ausgangspunkt, um die Schweigepolitiken – gemeint ist hier ein durch gesellschaftliche Normen implizit eingefordertes Schweigen, das in der anglophonen Forschung allgemein als silencing bezeichnet wird – des illegalen Schwangerschaftsabbruchs und seine komplexen Wissensnetzwerke neu zu interpretieren, und ihn so aus seinem Individualnarrativ herauszulösen und als eine Kollektiverfahrung zu begreifen.

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Zwischen Wissensnetzwerken und Schweigepolitiken

  • Aileen Behrendt

摘要

Während Abtreibungen in den Texten des 18. und 19. Jahrhunderts eher selten vorkommen, wird der Schwangerschaftsabbruch in den Texten des frühen 20. Jahrhunderts beinahe zu einer literarischen Alltäglichkeit. Besonders westliche Romane der 1930er Jahre nehmen sich dem Thema vermehrt an, was oft als direkte Konsequenz einer zusammenbrechenden Weltwirtschaft und einer daraus folgenden ökonomischen Prekarität gelesen wird. Trotz dieser zunehmenden Sichtbarkeit, unter anderem in britischen, aber auch in deutschen und amerikanischen Texten, führt die kritische Literaturrezeption das Thema als Kuriosität. So wird der Schwangerschaftsabbruch lange Zeit entweder als tabubrechende, avantgardistische Literatur verstanden oder als bloße Metapher für ein vermeintlich tiefgründigeres Sujet (Gillette 2012, 666). Die folgende Analyse versucht, literarische Abtreibungen anders einzuordnen. Sie nimmt die britische Literatur der 1930er Jahre als Ausgangspunkt, um die Schweigepolitiken – gemeint ist hier ein durch gesellschaftliche Normen implizit eingefordertes Schweigen, das in der anglophonen Forschung allgemein als silencing bezeichnet wird – des illegalen Schwangerschaftsabbruchs und seine komplexen Wissensnetzwerke neu zu interpretieren, und ihn so aus seinem Individualnarrativ herauszulösen und als eine Kollektiverfahrung zu begreifen.