Die Frage, worin das Erlösungsamt Christi wesentlich bestehe, läßt sich in zwei eschatologisch entgegengesetzten Richtungen auflösen. Der ersten folgt die sola-fide-Lehre, die namentlich Martin Luther auf der Basis des paulinischen Römerbriefes entwickelt hat, der anderen entspricht der Gedanke, das Erscheinen des Gottessohnes auf der Welt sei selber ein Akt, der das Böse tilgt oder zumindest in die Schranken weist. Beide Überzeugungen haben unter den Kantaten Bachs in deren titelgebenden Textanfängen ihren Niederschlag gefunden, die erste in BWV 37 „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“, und die zweite in BWV 40 „Darzu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre“. Bezeichnenderweise entstammt das Wort, welches die Seligkeit durch den Glauben verheißt, einem Bericht des ältesten der vier Evangelien, dem des Markus, wo es dem Auferstandenen in den Mund gelegt wird, der damit den sich verbreitenden Zweifel an seiner Erscheinung nach dem Tode kommentiert. Maßgeblich ist daran, daß der auferstandene Gottessohn nicht behauptet, durch Tod und Auferstehung seine Erlösungsmission vollendet zu haben, sondern jene Vollendung den Menschen überträgt, denen dieselbe durch ihren Glauben zu bewerkstelligen übrig bleibt. Das die nur etwa fünf Monate früher entstandene Kantate BWV 40 einleitende Wort ist hingegen dem ersten Brief des Johannes entnommen, der, um die Wende des ersten zum zweiten nachchristlichen Jahrhundert verfaßt, hauptsächlich darauf abzielt, die Gemeinde Gottes als die von seinem Licht beschienene gegen die Menge derer abzuheben, die sich von diesem Licht abwenden. Das Bedürfnis, eine gesellschaftliche Scheidung erkennbar werden zu lassen, führt hier zu einem eschatologischen Ansatz, der das empirische Handeln der Gemeinde Christi in den Mittelpunkt rückt und dazu tendiert, die Vernichtung der Sünde als reale Tat zu interpretieren. „Wer aus Gott geboren ist“, so lehrt der Briefschreiber, „der tut keine Sünde“ (1. Joh. 3,9), aber „wer Sünde tut, der ist vom Teufel“ (1. Joh. 3,8). „Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind.“ (1. Joh. 3,10)

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Höllische Schlange

  • Michael Hoyer

摘要

Die Frage, worin das Erlösungsamt Christi wesentlich bestehe, läßt sich in zwei eschatologisch entgegengesetzten Richtungen auflösen. Der ersten folgt die sola-fide-Lehre, die namentlich Martin Luther auf der Basis des paulinischen Römerbriefes entwickelt hat, der anderen entspricht der Gedanke, das Erscheinen des Gottessohnes auf der Welt sei selber ein Akt, der das Böse tilgt oder zumindest in die Schranken weist. Beide Überzeugungen haben unter den Kantaten Bachs in deren titelgebenden Textanfängen ihren Niederschlag gefunden, die erste in BWV 37 „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“, und die zweite in BWV 40 „Darzu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre“. Bezeichnenderweise entstammt das Wort, welches die Seligkeit durch den Glauben verheißt, einem Bericht des ältesten der vier Evangelien, dem des Markus, wo es dem Auferstandenen in den Mund gelegt wird, der damit den sich verbreitenden Zweifel an seiner Erscheinung nach dem Tode kommentiert. Maßgeblich ist daran, daß der auferstandene Gottessohn nicht behauptet, durch Tod und Auferstehung seine Erlösungsmission vollendet zu haben, sondern jene Vollendung den Menschen überträgt, denen dieselbe durch ihren Glauben zu bewerkstelligen übrig bleibt. Das die nur etwa fünf Monate früher entstandene Kantate BWV 40 einleitende Wort ist hingegen dem ersten Brief des Johannes entnommen, der, um die Wende des ersten zum zweiten nachchristlichen Jahrhundert verfaßt, hauptsächlich darauf abzielt, die Gemeinde Gottes als die von seinem Licht beschienene gegen die Menge derer abzuheben, die sich von diesem Licht abwenden. Das Bedürfnis, eine gesellschaftliche Scheidung erkennbar werden zu lassen, führt hier zu einem eschatologischen Ansatz, der das empirische Handeln der Gemeinde Christi in den Mittelpunkt rückt und dazu tendiert, die Vernichtung der Sünde als reale Tat zu interpretieren. „Wer aus Gott geboren ist“, so lehrt der Briefschreiber, „der tut keine Sünde“ (1. Joh. 3,9), aber „wer Sünde tut, der ist vom Teufel“ (1. Joh. 3,8). „Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind.“ (1. Joh. 3,10)