Der Ratlose
摘要
Mit äußerster Radikalität findet sich der expressive Ansatz bei der Vertonung von Texten in der ersten Tenorarie der Johannespassion verwirklicht. Daß Petrus erkennen muß, die Prophezeiung, er werde Jesus während dessen Vernehmung durch die Geistlichkeit dreifach verleugnen, wie vehement er dieser auch widersprach, durch sein eigenes Verhalten erfüllt zu haben, veranlaßt Bachs Librettisten zur Komposition eines kleinen Monologs, die einen beliebigen Menschen in eine ähnliche Situation versetzt, um dessen Ringen mit der Schuld vorzuführen, die er durch sein Handeln auf sich geladen hat. Die Dichtung ist wenig originell und verharrt poetisch im Rahmen des Konventionellen, wagt allerdings in ihrem zweiten Gedanken, die Vorstellung eines Suizids anzudeuten9, und mag daher im kirchlich-protestantischen Kontext des frühen 18. Jahrhunderts bereits als Normverletzung empfunden worden sein. Bach jedenfalls scheint dieser Text oder vielleicht auch eher die Idee des von den Trümmern seines Selbstbildes niedergeschlagenen Petrus zum Entwurf einer Person angeregt zu haben, die, unfähig sich noch selbst zu begreifen, nicht mehr aus und ein weiß und deren tiefe Verstörung ihr jede Kontrolle über das eigene Denken geraubt hat. Ein als Arie überschriebenes musikalisches Gebilde, das auf keiner Ebene die etablierten Merkmale einer Arie aufweist und selbst noch jede Handhabe verweigert, aus seinen kompositorischen Dispositionen Anhaltspunkte eines Formschemas zu konstruieren, dürfte in der abendländischen Musikgeschichte nicht so leicht ein zweites Mal zu finden sein.10 – Die Dichtung setzt sich aus zehn unterschiedlich langen Versen von ungleichem Metrum zusammen, die sich kraft ihres Inhalts in drei Komplexe gliedern. Deren erste beide umfassen jeweils drei Verse, von denen Vers eins jeweils aus nur drei Silben besteht und zweihebig trochäisch gebaut ist, während der zweite und der dritte jambischem Metrum gehorchen und dreihebig angelegt sind. Andererseits sind die jeweils ersten beiden Verse beider Komplexe durch Endreim miteinander verpaart, während der jeweils dritte Vers, ebenfalls durch Endreim, den ersten und den zweiten Komplex miteinander verklammert. So unregelmäßig die Anlage einem heutigen Betrachter zunächst erscheint, so erweist sie sich gleichwohl bei näherer Untersuchung als mit einiger poetischer Kunstfertigkeit konstruiert. Der dritte Komplex setzt sich aus fünf Versen zusammen, deren zweiter und dritter wiederum nur zweihebig und jambisch gebaut sowie paargereimt sind, wohingegen sich der erste, der vierte und der fünfte ihrerseits durch Endreim aufeinander beziehen und als vier-, drei-beziehungsweise fünfhebige Gebilde trochäischem Metrum folgen. Der formale Bau des Gedichts ist also durchaus unruhig zu nennen, fällt jedoch keineswegs aus dem für die sogenannte madrigalische Dichtung, wie sie in den Libretti der Kantaten meist gepflegt wird, üblichen Rahmen. Auch der inhaltliche Aufbau ist planmäßig gegliedert. Der erste gedankliche Komplex formuliert die Frage des Subjekts nach einem möglichen Orientierungspunkt, an dem sich ein zu treffender Entschluß ausrichten könnte; der zweite verengt diese Entscheidung auf die Alternative zwischen Weiterleben und sich unter die Erde Wünschen, während der dritte zuerst das Abhandensein des gewünschten Kriteriums feststellt, um sodann die auf dem Gewissen lastende Schuld als den Grund des inneren Konflikts zu benennen, in welchem das Subjekt steht. Eine herkömmliche Vertonung hätte also an dem Text ausreichenden Anhalt gefunden, um seine ersten beiden Komplexe in einen musikalischen A-Teil zusammenfließen zu lassen, daraufhin den dritten Komplex als B-Teil davon abzuheben und daran ein Dacapo des A-Teils anzuschließen, da die dort aufgeworfenen Fragen durch den Wortlaut des B-Teils ja ausdrücklich als unbeantwortet erwiesen wurden. Bach hingegen konzipiert den Satz als eine fortlaufende Denkbewegung, die sich zwar jeweils unterschiedlichen Gegenständen zuwendet, vor allem aber von einer zur Hysterie gesteigerten Ratlosigkeit bestimmt ist. Seine Komposition errichtet keine formale Ordnung, auch nicht die einer organisierten Unübersichtlichkeit, vielmehr ist sie einzig auf die Zertrümmerung jeglicher Ordnung aus und versetzt durch diesen Akt radikaler Destruktion das lyrische Subjekt in jenen Zustand bodenloser Verzweiflung, die den Ausweg versperrt, weil sie jeden Weg überhaupt zunichte macht.