Mein Verlangen
摘要
Für immerhin zehn der erhaltenen Kantaten bediente sich Bach eines Librettos des jungverstorbenen, ursprünglich aus Liegnitz stammenden Darmstädter Hofpoeten Georg Christian Lehms. Auch die Kantate Liebster Jesu, mein Verlangen, vom Komponisten ausdrücklich als „Concerto in Dialogo“ betitelt, gehört dazu, und die starke Individualisierung der lyrischen Subjekte, die emotionale Aufladung und einen gewissen Zug zu frommer Ekstase teilt sie mit den meisten der geistlichen Dichtungen desselben Autors. Ob diese literarische Tendenz den Ausschlag für Bachs Textwahl gab, ist nicht mehr zu ermitteln, doch zeigt bereits eine nur oberflächliche Betrachtung der Partitur, daß die Vertonung sich gerade an diesen Momenten inspiriert und sie in détailversessener Hingabe auslotet und herausarbeitet. Der Text, dem die nach alter Perikopenordnung für den ersten Sonntag nach Epiphanias aufgegebene Evangelienlesung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel zugrundeliegt (Lukas 2,41–52), ruft eine namentlich ungenannte Mutter vor Augen, die im Gewimmel der Großstadt ihr Kind aus den Augen verloren hat und nun, umgetrieben von der Angst, es nicht wiederzufinden, verzweifelt nach ihm sucht. Die näheren Umstände des Ereignisses, welche das Lukasevangelium recht ausführlich wiedergibt: daß es sich um eine Pilgerreise der Familie Jesu anläßlich des Passahfestes handelte, daß die Eltern bereits den Rückweg angetreten hatten, ehe sie das Fehlen des Kindes bemerkten, daß diese daher die Pilgergruppe verlassen und eigens nach Jerusalem zurückkehren mußten, läßt Lehms mit sorgfältigem Bedacht in seiner Kantatendichtung unberücksichtigt und vermeidet damit, daß seine Dichtung einen Zug zum Oratorium an sich nimmt. Auf diese Weise schafft er die Voraussetzung, die es ihm erlaubt, von der geschilderten Mutter die marianische Identität abzustreifen und sie stattdessen mit jeder beliebigen Mutter zu identifizieren, die in eine ähnliche Situation gerät. Der angsterfüllten Suche nach dem Kind stellt Lehms denn auch das nackte, aus seinem Kontext gelöste Jesuswort gegenüber, mit dem, wieder nach dem Zeugnis des Lukasevangeliums, daselbst allerdings in der zweiten Person Plural formuiert, Jesus seiner Mutter entgegentritt: „Was ist’s, daß du mich gesuchet? Weißt du nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist?“ Ähnlich wie bei Henricis Gang nach Jerusalem werden hier also zwei erzählerische Ebenen miteinander verklammert, deren eine, obwohl an der biblischen Geschichte sich speisend, formal in ein geschichtliches Irgendwann versetzt erscheint, während die andere vermöge des Bibelzitats den historischen Jesus ins Spiel bringt. Wo aber Henrici diese Verklammerung fast über die gesamte Kantate durchhält, zeichnet sich bei Lehms bereits in der auf das Jesuswort folgenden Baßarie, wenn sie die Person der Mutter zum „betrübten Geist“ verallgemeinert und das Auffinden des gesuchten Jesus zum iterativen Vorgang perpetuiert, ein Umschwenken hin zu einer theologischen Umdeutung der Begebenheit ab, die mit der Anrede an den „heiligen und großen Gott“, mit welcher das anschließende Rezitativ beginnt, endgültig die Dominanz gewinnt. Die aus der biblischen Maria abstrahierte Mutter konvertiert zur gläubigen Seele, die zu einem vergöttlichten Jesus in eine unübersehbar von der Figur des sposalizio mistico inspirierte Beziehung tritt, und vereinigt sich mit diesem im letzten von Lehms gedichteten Satz der Kantate zum Liebesduett.