Uneinheitlich verfährt auch die Vertonung der Tenorarie aus BWV 76. einer Dichtung, die gerade einmal aus sechzehn Wörtern besteht. Das Libretto der Kantate, das mit allzu großzügigem Pinselstrich die beiden in der Perikopen-ordnung für den zweiten Sonntag nach Trinitatis vorgegebenen Lesungen, eine Passage aus dem dritten Kapitel des ersten Johannesbriefs und das im Lukasevangelium überlieferte Gleichnis von der Einladung zum Gastmahl, in einem einzigen Tableau zu vereinigen sucht, ist hier, im zweiten Teil der Kantate, inzwischen bei dem Gedanken angelangt, damit sich der Himmel auf Erden ausbreite, bedürfe es eines purifikatorischen Aktes, der auch eine streitbare Auseinandersetzung mit dessen Verächtern einschließt. Von dieser bildet die Arie indes dann nur die Feindseligkeit ab, die dem Christen in einer zeitlichen Gütern zugewandten Welt entgegenschlägt und gegen welche sich ihr lyrisches Subjekt zur Wehr setzt, indem es deren Aggression provoziert. „Hasse mich recht“, ruft es, mit wörtlichem Rekurs auf die Lesung aus dem Johannesbrief, dem „feindlichen Geschlecht“ entgegen, womit zweifellos das satanische gemeint ist, und bekennt sich, nun eher mit Bezug auf dessen zweites Kapitel, bereit, aus Treue zu Christus auf jegliche Lebensfreude zu verzichten.62 Während der Librettist anderwärts eine gewisse Neigung zur Weitschweifigkeit erkennen läßt, gelingt es ihm in dieser Arie, Form und Aussage zur Deckung zu bringen: ein knapper, emphatisch verstärkter Imperativ vergattert die Feinde in ihrer Feindschaft, ein Indikativ in der ersten grammatischen Person besiegelt die eigene Zugehörigkeit zur „treuen Schar“ der Christen. So unversöhnlich wie sich in der Darstellung des Johannesbriefs die Kinder des Lichts und die der Finsternis, Christ und Antichrist gegenüberstehen, so schroff und nackt stehen sich die beiden Sentenzen gegenüber, die den mageren Textkörper dieser Arie ausmachen. Zwischen dem „feindlichen Geschlecht“ und der Gemeinschaft der Heiligen gibt es keine Vermittlung.

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Hasser, Sucher, Totentänzer

  • Michael Hoyer

摘要

Uneinheitlich verfährt auch die Vertonung der Tenorarie aus BWV 76. einer Dichtung, die gerade einmal aus sechzehn Wörtern besteht. Das Libretto der Kantate, das mit allzu großzügigem Pinselstrich die beiden in der Perikopen-ordnung für den zweiten Sonntag nach Trinitatis vorgegebenen Lesungen, eine Passage aus dem dritten Kapitel des ersten Johannesbriefs und das im Lukasevangelium überlieferte Gleichnis von der Einladung zum Gastmahl, in einem einzigen Tableau zu vereinigen sucht, ist hier, im zweiten Teil der Kantate, inzwischen bei dem Gedanken angelangt, damit sich der Himmel auf Erden ausbreite, bedürfe es eines purifikatorischen Aktes, der auch eine streitbare Auseinandersetzung mit dessen Verächtern einschließt. Von dieser bildet die Arie indes dann nur die Feindseligkeit ab, die dem Christen in einer zeitlichen Gütern zugewandten Welt entgegenschlägt und gegen welche sich ihr lyrisches Subjekt zur Wehr setzt, indem es deren Aggression provoziert. „Hasse mich recht“, ruft es, mit wörtlichem Rekurs auf die Lesung aus dem Johannesbrief, dem „feindlichen Geschlecht“ entgegen, womit zweifellos das satanische gemeint ist, und bekennt sich, nun eher mit Bezug auf dessen zweites Kapitel, bereit, aus Treue zu Christus auf jegliche Lebensfreude zu verzichten.62 Während der Librettist anderwärts eine gewisse Neigung zur Weitschweifigkeit erkennen läßt, gelingt es ihm in dieser Arie, Form und Aussage zur Deckung zu bringen: ein knapper, emphatisch verstärkter Imperativ vergattert die Feinde in ihrer Feindschaft, ein Indikativ in der ersten grammatischen Person besiegelt die eigene Zugehörigkeit zur „treuen Schar“ der Christen. So unversöhnlich wie sich in der Darstellung des Johannesbriefs die Kinder des Lichts und die der Finsternis, Christ und Antichrist gegenüberstehen, so schroff und nackt stehen sich die beiden Sentenzen gegenüber, die den mageren Textkörper dieser Arie ausmachen. Zwischen dem „feindlichen Geschlecht“ und der Gemeinschaft der Heiligen gibt es keine Vermittlung.