Abseits jener Kompositionen, in welchen ein dramatisches oder auch nur redeorientiertes Prinzip das gesamte Musikstück beherrscht, gibt es in Bachs Kantatenwerk jedoch auch noch mannigfache Beispiele, wo nur einzelne Passagen oder bestimmte Abschnitte aus einem solchen Geist entworfen sind. Der an den vorausgehenden Ausführungen geschulte Blick55 dürfte wenig Mühe haben, diese zu entdecken und sich ihr jeweiliges Verständnis zu erschließen. Die vorliegende Untersuchung wird sich daher darauf beschränken, einige wenige dieser Beispiele aufzuweisen, insbesondere um zu zeigen, wie bei Bach oft überkommene und revolutionäre Vertonungsformen, allegorischer und dramatischer Stil dicht nebeneinander liegen, sich überkreuzen, vermischen oder einander ablösen. Das was bisher beschrieben wurde, sind lediglich die konsequentesten Ausformungen jener an der lebendigen Redesituation inspirierten Praxis der Textvertonung, mit welcher Bach der solistischen Vokalmusik eine neue, epochemachende Bahn eröffnete. Ob jene, welche mehr als fünfzig Jahre später in der musikalischen Klassik und der anbrechenden Romantik diese Bahn beschritten – als Opernkomponisten vor allem Mozart und Beethoven, als Liedschaffender Franz Schubert – irgendeine Kenntnis von dem Vorbild hatten, dem sie nacheiferten, ob sie ihr eigenes Vorgehen darauf begründeten oder ob es ihnen immerhin diffus überliefert worden war, macht diese Studie sich nicht anheischig zu beantworten. Sie begnügt sich damit, Korrespondenzen im Phänomen aufzuweisen und zu benennen, und überläßt es einer gesonderten Untersuchungsarbeit, den historischen Zusammenhängen nachzuspüren, durch welche diese Korrespondenzen hervorgebracht worden sein könnten.

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Stille und Sturm

  • Michael Hoyer

摘要

Abseits jener Kompositionen, in welchen ein dramatisches oder auch nur redeorientiertes Prinzip das gesamte Musikstück beherrscht, gibt es in Bachs Kantatenwerk jedoch auch noch mannigfache Beispiele, wo nur einzelne Passagen oder bestimmte Abschnitte aus einem solchen Geist entworfen sind. Der an den vorausgehenden Ausführungen geschulte Blick55 dürfte wenig Mühe haben, diese zu entdecken und sich ihr jeweiliges Verständnis zu erschließen. Die vorliegende Untersuchung wird sich daher darauf beschränken, einige wenige dieser Beispiele aufzuweisen, insbesondere um zu zeigen, wie bei Bach oft überkommene und revolutionäre Vertonungsformen, allegorischer und dramatischer Stil dicht nebeneinander liegen, sich überkreuzen, vermischen oder einander ablösen. Das was bisher beschrieben wurde, sind lediglich die konsequentesten Ausformungen jener an der lebendigen Redesituation inspirierten Praxis der Textvertonung, mit welcher Bach der solistischen Vokalmusik eine neue, epochemachende Bahn eröffnete. Ob jene, welche mehr als fünfzig Jahre später in der musikalischen Klassik und der anbrechenden Romantik diese Bahn beschritten – als Opernkomponisten vor allem Mozart und Beethoven, als Liedschaffender Franz Schubert – irgendeine Kenntnis von dem Vorbild hatten, dem sie nacheiferten, ob sie ihr eigenes Vorgehen darauf begründeten oder ob es ihnen immerhin diffus überliefert worden war, macht diese Studie sich nicht anheischig zu beantworten. Sie begnügt sich damit, Korrespondenzen im Phänomen aufzuweisen und zu benennen, und überläßt es einer gesonderten Untersuchungsarbeit, den historischen Zusammenhängen nachzuspüren, durch welche diese Korrespondenzen hervorgebracht worden sein könnten.