Das unbestellte Haus
摘要
Wer mit einem Fuß im Grabe steht, befindet sich gemeinhin in einer lebensbedrohlichen Situation. Die damit verbundene Todesangst zu lindern oder, wenn möglich, abzuwenden bemühte sich der geistliche Zuspruch seit je unter Verweis auf das himmlische Fortleben der Seele, das den Verfall des Leibes als Entlastung oder Befreiung erscheinen lassen konnte. „Ich freue mich auf meinen Tod, […] da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden“, sagt Simeon in der Paraphrase des Librettisten von Bachs Kantate 82, und die nicht nur im Barock beliebte Metapher von den „Banden des Leibes“ suggeriert, es handle sich beim Tod um eine Art von Entbindung, also eine Wiedergeburt. Anders als für den alttestamentarischen Menschen, der, wenn er das Ende seines Lebens nahen sah, sich aufgefordert fühlte, sein Haus zu bestellen und daher Eigentumsverhältnisse und die Versorgung der künftigen Hinterbliebenen regelte oder offene Konflikte befriedete, trat für den im Glauben an die Verheißungen des Neuen Bundes Lebenden bezüglich der Vorbereitung auf das Sterben immer stärker das geistliche Sichbereitmachen in den Vordergrund, in dessen Zentrum Weltentsagung und Jenseitsbegierde standen. Wurde diese Präparation mit der gebotenen Verinnerlichung durchgeführt, so mußte das Grauen vor dem Tod einem freudigen Todesverlangen, mindestens aber einem gelassenen Hinschied weichen. Wenn Johann Hermann Schein im bekanntesten seiner zahlreichen Sterbelieder die Bilanz des Lebens ohne Ansehung ihres realen Gehalts auf null setzen konnte, indem er formulierte „s’ ist alles gut, wenn gut das End“, so verständigt sich darin genau jene Umwertung, welche dem, der mit einem Fuß im Grabe steht, es gestattet, das Leben fahren zu lassen und wohlgemut den zweiten Fuß nachzuziehen. Sein Haus zu bestellen, meint dann, sich zum Gelingen dieses Vorgangs zu konditionieren.48 Christian Friedrich Henrici, der das Libretto zu Bachs Kantate BWV 156 schuf, bewies also, wie so oft, einen luziden Sinn für die theologischen Zusammenhänge, indem er als Basis für seine den Fuß im Grab und das bestellte Haus zitierende Tropusdichtung die erste Strophe von Scheins Lied „Machs mit mir, Gott, nach deiner Güt“ heranzog.