Was geht vor sich, wenn ein Monolog durch eine Mehrzahl von Personen vorgetragen wird? Bei dem der Kantate BWV 125 zugrundeliegenden Lied handelt es sich um Martin Luthers deutsche Nachdichtung des Canticum Simeonis, wie es im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist. Gemäß dem im Buch Levithicus vorgeschriebenen jüdischen Ritus stellt Maria, begleitet von Joseph, ihren Sohn vierzig Tage nach dessen Geburt im Tempel dar, um mit einer Opfergabe dem Ritus der Reinigung zu entsprechen. Bei dieser Gelegenheit begegnet sie einem Greis, der in der Gewißheit lebt, nicht eher zu sterben, als er des Messias angesichtig geworden wäre. Sicher, in dem dargestellten Knaben diesen Messias zu erkennen, spricht er ein Dankgebet zu Gott, erklärt aber nachfolgend den zweifellos verwunderten Eltern das Motiv seines Handelns und die Bedeutung seiner Worte. Das Canticum umfaßt allerdings ausschließlich die Worte des Gebets und berücksichtigt nicht die Rede, mit welcher Simeon sich an Maria und Joseph wendet; in dieser Gestalt ist es auch in die liturgische Tradition der Kirche eingegangen. Luthers vierstrophige Transkription entspricht dieser Tradition insofern, als sie, obgleich sie Simeons Worte durch einige interpretierende Zusätze anreichert, sich jedes Hinweises darauf enthält, daß das wiedergegebene Gebet in Gegenwart anderer Personen gesprochen wurde und in eine Rede mündete, welche sich an diese Anwesenden richtete. Ausgefertigt ist der Text also als die in der Abgeschiedenheit gesprochene Rede eines singulären und in der ersten grammatischen Person sprechenden lyrischen Subjekts.

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Mit Fried und Freud ich fahr dahin

  • Michael Hoyer

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Was geht vor sich, wenn ein Monolog durch eine Mehrzahl von Personen vorgetragen wird? Bei dem der Kantate BWV 125 zugrundeliegenden Lied handelt es sich um Martin Luthers deutsche Nachdichtung des Canticum Simeonis, wie es im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist. Gemäß dem im Buch Levithicus vorgeschriebenen jüdischen Ritus stellt Maria, begleitet von Joseph, ihren Sohn vierzig Tage nach dessen Geburt im Tempel dar, um mit einer Opfergabe dem Ritus der Reinigung zu entsprechen. Bei dieser Gelegenheit begegnet sie einem Greis, der in der Gewißheit lebt, nicht eher zu sterben, als er des Messias angesichtig geworden wäre. Sicher, in dem dargestellten Knaben diesen Messias zu erkennen, spricht er ein Dankgebet zu Gott, erklärt aber nachfolgend den zweifellos verwunderten Eltern das Motiv seines Handelns und die Bedeutung seiner Worte. Das Canticum umfaßt allerdings ausschließlich die Worte des Gebets und berücksichtigt nicht die Rede, mit welcher Simeon sich an Maria und Joseph wendet; in dieser Gestalt ist es auch in die liturgische Tradition der Kirche eingegangen. Luthers vierstrophige Transkription entspricht dieser Tradition insofern, als sie, obgleich sie Simeons Worte durch einige interpretierende Zusätze anreichert, sich jedes Hinweises darauf enthält, daß das wiedergegebene Gebet in Gegenwart anderer Personen gesprochen wurde und in eine Rede mündete, welche sich an diese Anwesenden richtete. Ausgefertigt ist der Text also als die in der Abgeschiedenheit gesprochene Rede eines singulären und in der ersten grammatischen Person sprechenden lyrischen Subjekts.