Sich in den Lauf der Geschehnisse zu fügen, der als Ausdruck göttlichen Wollens vorgestellt wurde, war zu Zeiten, da die Möglichkeiten des Einzelnen, die eigene Existenz selbstbestimmt zu gestalten, sowohl aufgrund mangelnder naturwissenschaftlicher Kenntnisse als auch wegen der autoritär geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse äußerst beschränkt waren, eine Tugend, ohne welche das Leben in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung versunken wäre. Ratio suprema solchen Bedürfnisses und zugleich Paradigma aller minderen Ursachen, sich dem Auferlegten zu ergeben, war seit jeher der Tod, der im räumlichen ebenso wie im zeitlichen Sinne seinen Ort mitten im Leben hatte „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, dichtete Martin Luther, und dieses Inmitten war gewiß nicht in metaphorischem Sinne zu verstehen. Der Tod, der die eigenen Kinder hinwegrafft, der Tod, der einen selbst ereilt, ehe man die Hälfte der erwarteten Lebensspanne durchmessen hat, der Tod, den die Siechen auf ihrem Sterbelager ersehnen, bildete die natürliche Umgebung, in welcher Leben sich zutrug und mit welcher der Mensch sich abzufinden hatte. Wer diese Realität anzunehmen gelernt hatte, war auch imstande, die milderen Zumutungen zu ertragen, mit denen das Leben aufwartete. Angesichts solcher Bedingungen kann es kaum verwundern, wenn jegliche Ermahnung, ohne Widerstreben sich dem Willen Gottes unterzuordnen, gleich auf welchen Wechselfall sie eigentlich gemünzt war, in extremis auf die Zumutung des Sterbens projiziert wurde. Daß der namentlich unbekannte Autor der Textvorlage zu der 1724 entstandenen Kantate BWV 73 offenbar keinen Widerspruch darin erblickte, von den zwei in der Evangelienlesung mitgeteilten Berichten über die kraft des Vertrauens in den Willen Gottes erfolgten Krankenheilungen zur Bitte um die Bereitschaft zur willigen Annahme des Todes überzugehen, findet darin seine Erklärung.

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Herr, so du willt

  • Michael Hoyer

摘要

Sich in den Lauf der Geschehnisse zu fügen, der als Ausdruck göttlichen Wollens vorgestellt wurde, war zu Zeiten, da die Möglichkeiten des Einzelnen, die eigene Existenz selbstbestimmt zu gestalten, sowohl aufgrund mangelnder naturwissenschaftlicher Kenntnisse als auch wegen der autoritär geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse äußerst beschränkt waren, eine Tugend, ohne welche das Leben in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung versunken wäre. Ratio suprema solchen Bedürfnisses und zugleich Paradigma aller minderen Ursachen, sich dem Auferlegten zu ergeben, war seit jeher der Tod, der im räumlichen ebenso wie im zeitlichen Sinne seinen Ort mitten im Leben hatte „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“, dichtete Martin Luther, und dieses Inmitten war gewiß nicht in metaphorischem Sinne zu verstehen. Der Tod, der die eigenen Kinder hinwegrafft, der Tod, der einen selbst ereilt, ehe man die Hälfte der erwarteten Lebensspanne durchmessen hat, der Tod, den die Siechen auf ihrem Sterbelager ersehnen, bildete die natürliche Umgebung, in welcher Leben sich zutrug und mit welcher der Mensch sich abzufinden hatte. Wer diese Realität anzunehmen gelernt hatte, war auch imstande, die milderen Zumutungen zu ertragen, mit denen das Leben aufwartete. Angesichts solcher Bedingungen kann es kaum verwundern, wenn jegliche Ermahnung, ohne Widerstreben sich dem Willen Gottes unterzuordnen, gleich auf welchen Wechselfall sie eigentlich gemünzt war, in extremis auf die Zumutung des Sterbens projiziert wurde. Daß der namentlich unbekannte Autor der Textvorlage zu der 1724 entstandenen Kantate BWV 73 offenbar keinen Widerspruch darin erblickte, von den zwei in der Evangelienlesung mitgeteilten Berichten über die kraft des Vertrauens in den Willen Gottes erfolgten Krankenheilungen zur Bitte um die Bereitschaft zur willigen Annahme des Todes überzugehen, findet darin seine Erklärung.