Der Sündenknecht
摘要
Ein völlig anderer Sachverhalt zeigt sich an der mehr als zehn Jahre später entstandenen Kantate BWV 55. Mit den meisten der in seinem Leipziger Amt komponierten Kantaten Bachs teilt sie die Eigenschaft, daß der Verfasser ihrer dichterischen Vorlage unbekannt geblieben ist – ohne Zweifel ein Indiz für die geringere Prominenz, die den dort herangezogenen Autoren zukam bzw. zugebilligt wurde. Dichter von Ansehn (man denke etwa an Gottsched, Salomo Franck oder eben an Lehms) pflegten ihre Libretti zu veröffentlichen, nicht selten sogar, ehe sie vertont waren. Tatsächlich erweist sich das Textbuch, das BWV 55 zugrundeliegt, gerade in der Gegenüberstellung zu BWV 199, als von eher bescheidenem Anspruch. Zwar beginnen beide mit einer Selbstanklage; doch wo Lehms diese als Ausgangspunkt für eine am gelebten Beispiel vorgenommene Entfaltung eines theologischen Begriffs benutzt, kommt der Autor von BWV 55 über die psychologisierende Vorstellung eines vom Bewußtsein seiner moralischen Unzulänglichkeit gepeinigten Menschen nicht hinaus. Die beiden Arien der Kantate schildern zwei unterschiedliche Zustände der seelischen Zerknirschung, von denen der erste durch die Furcht von der aus dem Versagen resultierenden Strafe, der zweite durch das Flehen um gnädigen Straferlaß bestimmt ist. Gelingt dem Autor hier durch den Rückgriff auf hergebrachte Muster noch eine gewisse Stimmigkeit der Darstellung, so scheitert er bei seinen Rezitativen an dem Versuch, die Darstellung der subjektiven Seelenlage seines Protagonisten mit gedanklicher Argumentation aufzuladen. Auf rein psychologischer Ebene wäre es ja durchaus plausibel zu machen, daß der schuldbewußte Mensch, den die erste Arie präsentierte, von dem Bedürfnis umgetrieben, sich der erwarteten Bestrafung durch Flucht zu entziehen, erst aus dem Fehlschlag entsprechender Versuche die Veranlassung bezöge, den Richter mit einem Gnadengesuch milde zu stimmen. Indessen stellt der Kantatendichter statt eines besinnungslos Davonstürzenden eine Person vors Auge, die in Gedanken verschiedene Möglichkeiten einer Flucht erörtert, alle verwirft und am Ende, d. h. aber aus Berechnung, sich entschließt, den Gnadenweg zu beschreiten. Das zweite Rezitativ bestätigt diesen Eindruck sogar noch, indem es die getroffene Entscheidung als das Ergebnis einer Abwägung („nicht vor Gerichte stehen und lieber vor dem Gnadenthron“) hinstellt und den um Gnade Ersuchenden zu allem Überfluß die Strategie erläutern läßt, durch welche er an sein Ziel zu gelangen gedenkt („Ich halt ihm seinen Sohn, sein Leiden, sein Erlösen vor“). Es versteht sich, daß ein landläufiger Verbrecher, mutatis mutandis, sich diesem Handlungsmuster entsprechend verhalten könnte – allein, es taugt sein Beispiel nicht als Paradigma für den durch den Kreuzestod des Gottessohnes zur Aneignung der eigenen Schuld und für die daraus resultierende Versöhnung mit Gott und sich selbst bereit gemachten Menschen. Die Möglichkeit aber, in dem poetischen Subjekt der Kantate nichts als das Bild eines durch seine Schuldverstrickung im Strudel existentieller Nöte Hin- und Hergeworfenen zu erblicken, hat die Dichtung durch ihren raisonnierenden Zug eigenhändig durchkreuzt.