Eine gewitzte Anwendung traditioneller Vertonungsmuster innerhalb eines entschieden modernen Ariensatzes nimmt Bach in der Tenorarie aus der Kantate BWV 87 „Bisher habt ihr nichts gebeten“ vor. Das Werk ist für den Sonntag Rogate bestimmt und beruht auf einer Dichtung der zu ihren Lebzeiten angesehenen Leipziger Poetin Mariana von Ziegler, die aus dem vorangestellten Bibelvers des Johannesevangeliums eine recht willkürliche und wenig konsistente Gedankenfolge erwachsen ließ. Vom Geist einer neuen Zeit geprägt erweist sich indessen ihre Kantatendichtung in formalpoetischer Hinsicht, denn diese gehorcht nicht mehr dem sogenannten madrigalischen Modell, das Verse unterschiedlicher Hebungszahl und teils sogar unterschiedlichen Versmaßes miteinander kombiniert, sondern verfolgt das Konzept eines homogenen Aufbaus und klar gegliederter strophischer Struktur. Das sechste Stück der Kantate, die Tenorarie, umfaßt sechs Verse aus vierhebigen Trochäen, die ihren Zusammenhalt aus der Bündelung von je einem klingend endenden Verspaar und einem stumpf endenden Einzelvers schöpfen, wobei sowohl die klingend endenden Paare als auch die Einzelverse durch Reime aufeinander bezogen sind. Grammatisch setzt sich das erste Versterzett aus drei Aussagesätzen zusammen, deren letzter formal eine Begründung der ihm vorausgehenden Aussagen liefert, während im zweiten ein anderes begründendes Argument von zwei Aufforderungen umschlossen wird, mit denen sich das Subjekt an sich selber wendet. Die Grenzen der syntaktischen Einheiten decken sich durchweg mit den Grenzen der Verse, was dem kleinen Poem eine ganz unbarocke Übersichtlichkeit verleiht und dem Komponisten die Möglichkeit eröffnet, seine Vertonung versgetreu und dennoch unter Wahrung des inhaltlichen Zusammenhanges abzufassen. Weniger überzeugend als die formale Anlage der Dichtung ist ihre Gedankenführung, da jene Aussagen, die als Begründungen auftreten, sich weitgehend mit denen decken, die sie begründen sollen, und daher den Verdacht erregen, nur der Vergrößerung des Textumfangs wegen eingefügt worden zu sein. Auch der abschließende Aufruf an das „betrübte Herz“, sich zu fassen, scheint eher deplaciert, da nichts, was diesem vorausgeht, auch nur im Entferntesten den Eindruck erweckt, das lyrische Subjekt befinde sich im Zustand hoffnungsloser Trübsal. An inhaltlicher Substanz verbleiben am Ende die Aussage, in existentieller Not auf Gottes Hilfe vertrauen zu dürfen, und der an sich selbst gerichtete Zuspruch von Mut und Zuversicht.

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Ich will leiden

  • Michael Hoyer

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Eine gewitzte Anwendung traditioneller Vertonungsmuster innerhalb eines entschieden modernen Ariensatzes nimmt Bach in der Tenorarie aus der Kantate BWV 87 „Bisher habt ihr nichts gebeten“ vor. Das Werk ist für den Sonntag Rogate bestimmt und beruht auf einer Dichtung der zu ihren Lebzeiten angesehenen Leipziger Poetin Mariana von Ziegler, die aus dem vorangestellten Bibelvers des Johannesevangeliums eine recht willkürliche und wenig konsistente Gedankenfolge erwachsen ließ. Vom Geist einer neuen Zeit geprägt erweist sich indessen ihre Kantatendichtung in formalpoetischer Hinsicht, denn diese gehorcht nicht mehr dem sogenannten madrigalischen Modell, das Verse unterschiedlicher Hebungszahl und teils sogar unterschiedlichen Versmaßes miteinander kombiniert, sondern verfolgt das Konzept eines homogenen Aufbaus und klar gegliederter strophischer Struktur. Das sechste Stück der Kantate, die Tenorarie, umfaßt sechs Verse aus vierhebigen Trochäen, die ihren Zusammenhalt aus der Bündelung von je einem klingend endenden Verspaar und einem stumpf endenden Einzelvers schöpfen, wobei sowohl die klingend endenden Paare als auch die Einzelverse durch Reime aufeinander bezogen sind. Grammatisch setzt sich das erste Versterzett aus drei Aussagesätzen zusammen, deren letzter formal eine Begründung der ihm vorausgehenden Aussagen liefert, während im zweiten ein anderes begründendes Argument von zwei Aufforderungen umschlossen wird, mit denen sich das Subjekt an sich selber wendet. Die Grenzen der syntaktischen Einheiten decken sich durchweg mit den Grenzen der Verse, was dem kleinen Poem eine ganz unbarocke Übersichtlichkeit verleiht und dem Komponisten die Möglichkeit eröffnet, seine Vertonung versgetreu und dennoch unter Wahrung des inhaltlichen Zusammenhanges abzufassen. Weniger überzeugend als die formale Anlage der Dichtung ist ihre Gedankenführung, da jene Aussagen, die als Begründungen auftreten, sich weitgehend mit denen decken, die sie begründen sollen, und daher den Verdacht erregen, nur der Vergrößerung des Textumfangs wegen eingefügt worden zu sein. Auch der abschließende Aufruf an das „betrübte Herz“, sich zu fassen, scheint eher deplaciert, da nichts, was diesem vorausgeht, auch nur im Entferntesten den Eindruck erweckt, das lyrische Subjekt befinde sich im Zustand hoffnungsloser Trübsal. An inhaltlicher Substanz verbleiben am Ende die Aussage, in existentieller Not auf Gottes Hilfe vertrauen zu dürfen, und der an sich selbst gerichtete Zuspruch von Mut und Zuversicht.