Dein Jesus ist tot
摘要
Ein Pendant ganz anderen Zuschnitts zu der Tenorarie aus dem ersten Teil der Johannespassion bildet die zweite Sopranarie, die zugleich das letzte lyrische Element dieses Werkes darstellt. Unter allen Arien, die Bach je komponierte, ist sie eine der textärmsten, denn sie fußt auf einer Dichtung von lediglich vier Versen, von denen der erste und der dritte als vierhebiger, der zweite und der vierte aber als zweihebiger Daktylus gebaut sind. Der Reim ist paarig angelegt, die ersten beiden Verse enden klingend, die Verse drei und vier hingegen stumpf. Der gesamte Text umfaßt mithin nur vierunddreißig Silben, die gleichwohl in Bachs Vertonung die Basis für eine Komposition von 127 Takten zu drei oftmals in kleinste Notenwerte ziselierten Achteln ergeben. Dem Inhalt nach handelt es sich um eine Anrede des lyrischen Subjekts an das eigene Herz, die in imperativischer Form abgefaßt, also formal dialogisch disponiert ist, real jedoch einem Selbstgespräch gleichkommt, da beide Gesprächspartner, der sprechende und der angesprochene, in derselben Person zusammenfließen. Auch dem Modus des Sagens wohnt ein Moment des Fiktiven inne, denn während der Wortlaut der Rede zweimal eine Aufforderung formuliert, als müsse sich das Subjekt erst den Impuls erteilen, der es zum Weinen bzw. zum Erzählen bewegt, verkleidet sich in diesen Imperativen wohl eher das Eingeständnis, daß die Tränen längst fließen, der Mund längst von der traurigen Botschaft übergeht und mittels der auffordernden Worte allein die Rechtfertigung dafür ausgesprochen wird, daß geschieht, was bereits im Gange ist. Der unbekannte Librettist der Johannespassion, der in der überwiegenden Mehrheit der anderen lyrischen Stücke sich durchaus im Bereich des Herkömmlichen bewegt, hat mit diesem kleinen Monolog ein Kunstwerk von großer psychologischer Subtilität geschaffen.