Ich stehe vor der Tür
摘要
Die Gestalt des einlaßbegehrenden Christus taucht in Bachs Kantatenwerk an verschiedener Stelle auf und zeigt bald den Ankömmling selbst, bald den Eigentümer der Behausung, an deren Tür geklopft wird. Erdmann Neumeister, der Librettist der Adventskantate BWV 61, entwendet einen Vers aus dem dritten Kapitel des Buchs der Offenbarung, um das dort vorfindliche Bild des vor der Tür stehenden Gottessohns auf das Ereignis der Menschgeburt Gottes zu applizieren.20 Das Ankunftsgeschehen am anderen Ende des Lebensweges Jesu, dem bei seinem Einzug in Jerusalem, illustriert der Textdichter der Kantate BWV 182, wie die zuvor genannte ein Werk aus Weimarer Zeit, unter Rückgriff auf den achten Vers des vierzigsten Psalms, welchen der Hebräerbrief in einen dem des Worts aus dem Buch der Offenbarung geradezu antagonistischen Bedeutungszusammenhang stellt.21. Aus umgekehrter Perspektive entwirft die Tenorarie aus der Choralkantate BWV 180 den an die Eingangstür Klopfenden, der hier indes nicht mehr als historische Person, sondern als Protagonist eines mystischen Geschehens begriffen wird. Im gesamten Neuen Testament findet sich keine einzige Stelle, in der Jesus sich selbst als jemanden dargestellt hätte, der an eine Tür klopft, um Einlaß zu erhalten, wohl aber zwei wenig ausgeformte Gleichnisse, deren eines davon spricht, daß ein „Herr“ von der Hochzeit zurückkommt und die ihn Erwartenden dazu aufgerufen werden, ihn bald einzulassen (Luk. 12,36), während das andere eine Menschenmenge vor die verschlossene Tür eines Anwesens stellt, denen der Eigentümer den Zutritt verweigert (Luk. 13,25–27). Schließlich ist da noch die sowohl im Lukas-, als auch im Matthäusevangelium mitgeteilte, an seine imaginäre Gemeinde gerichtete Aufforderung Jesu „Klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Luk. 11,9–10; Matth. 7,7–8), deren uneingeschränktes Versprechen in dem von der Adventskantate in Anspruch genommenen Text aus dem Buch der Offenbarung jedoch durch die Ankündigung eines rigiden Selektionsverfahrens konterkariert wird: „Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert: […] Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der hat den Schlüssel Davids, der aufschließt, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand schließt auf.“22 Nirgendwo also klopft Christus selbst an die Tür, und am ehesten noch dort, wo im Gleichnis der Bräutigam ins Haus zurückkehrt. Wenn die Szene dennoch in viele theologische Texte, und eben auch in die Kantatendichtung, verbreiteten Einzug gehalten hat, so wird es die Beredsamkeit des Bildes selbst sein, welche die Autoren dazu bewogen haben, nicht darauf zu verzichten.