Dekoloniale Polyphonie in der zeitgenössischen belarussischen Literatur
摘要
In globalisierten, verflochtenen und diversen Gesellschaften wird kultureller Multilingualismus zunehmend zur Norm und Literaturen sowie Kulturen erfahren eine fortschreitende Globalisierung und Hybridisierung. In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hingegen ist Multilingualismus ein heftig umstritenes Erbe imperialer Erfahrung, da Russifizierung und Politiken der “affirmative action” (Martin 2001) ein polyphones Gefüge multiethnischer Republiken hervorgebracht haben, die durch ein russisch dominiertes Zentrum verbunden waren. Wie kann demnach das Verhältnis zwischen Mehrsprachigkeit in der Literatur und postsowjetischer Dekolonisierung theoretisch erfasst werden? Inwiefern korrelierten dekolonisierende Prozesse nach dem Zerfall der Sowjetunion mit Entwicklungen in der Sprachverwendung in verschiedenen postsowjetischen Gesellschaften? Seit Russlands Vollinvasion in die Ukraine 2022 wird als wichtigem Bestandteil des “decolonial turn” in der Slavistik bzw. in den mitel- und osteuropäischen sowie eurasischen Studien der „Ent-Russifizierung“ des Feldes erhebliche Aufmerksamkeit gewidmet – etwa durch die Dezentrierung des Blicks von der „russischen“ auf die „russophone“ Literatur. Dennoch ist das Verhältnis von literarischer Mehrsprachigkeit zur Dekolonisierung kaum theoretisch reflektiert. Lässt sich literarische Polyphonie oder Code-Switching als dekolonialer Diskurs verstehen?