Der gute Mann aus Lyck
摘要
Nie wieder im späteren Leben hab’ ich – so viel und so ausschließlich – ganze Tage und Nächte und Wochen hindurch nur gelesen wie damals, Mitte und Ende der 60er Jahre, als mein Vater mich auf den Geschmack gebracht hatte und es in unserer Familie noch keinen Fernseher gab. Ich verschlang Karl May und Jules Verne und Pfadfinderromane über die Zeit des ersten Weltkriegs mit einer meist tragischen deutsch-französischen Figuren-Konstellation. Auch Jugendbücher über den Nationalsozialismus las ich 1967/68: Anne Franks Tagebuch (1950) und Hans Peter Richters Damals war es Friedrich (1961), gleichzeitig aber auch, und von meinem Vater empfohlen, Josef Martin Bauers So weit die Füße tragen (1955) über die Flucht eines deutschen Kriegsgefangenen aus einem Lager im fernsten Sibirien und Edwin Erich Dwingers Wenn die Dämme brechen über den, wie der Roman im Untertitel heißt, Untergang Ostpreußens. Dieser Untergang wird in Dwingers 1950 erschienenem Buch wie ein Naturereignis geschildert. Das verbindet die von Dwinger vermittelte „naturalogische“ Geschichtssicht mit der meiner damaligen Lieblingsdichterin Agnes Miegel. Ihre „Flüchtlingsgedichte“ mit Titeln wie Königsberg oder Ostpreußen lernte ich als 12- und 13-Jähriger auswendig: „Immer Krieg und Blut und Blut und Brand, / Immer Grenzernot und Tränen, – / Und doch geht, o Heimatland, / Zu Dir Deiner Kinder Sehnen! // […] Immer hat nach Leid und Qual / Deutscher Mund aus Dir gesungen, – / Mutter, nun zum erstenmal / Ist dort unser Lied verklungen! // Ungezähmte Urgewalt / Überspülte Deine Fluren, / Und des Siegers Fremdgestalt / Längst verwischte unsre Spuren.“ (Miegel 1949: 26)