Zehn Tage drüben
摘要
Am zweiten Weihnachtstag fuhr ich für zehn Tage nach drüben, mit dem Nachtzug von Köln nach Berlin. Am 27. ging es von Schönweide nach Greifswald, wo mich Stefan am Bahnhof abholte. Er war schmächtig, hatte nicht diesen Rauschebart der DDR-Bohème. Er gehörte zu den anderen, trug die Haare kurz und hatte keine runde Nickelbrille auf der Nase. Ein paar Tage wohnte ich bei Brigitte in der F-Straße, in der Nähe der neuen Mensa am Wall. Sie war eine Freundin von Stefan, Finnisch-Studentin ebenfalls und allein erziehende Mutter, mit viel Aufbruch in der Stimme, aber sehr anständig, sehr hilfsbereit und klug zudem. Der Vater ihrer Tochter war von einem Betrunkenen überfahren worden und hatte den Unfall nicht überlebt. Brigitte erzählte mir das ganz sachlich. Pro forma eingeladen hatte mich eine Theologiestudentin, Rosi, eine weitere Freundin von Stefan. Aber die traf ich gar nicht an, sie war zwischen den Jahren zu ihren Eltern nach Magdeburg gefahren. Fast alle Studenten hatten am Tag vor Weihnachten Greifswald verlassen, auch Brigitte fuhr mit der kleinen Tochter weg und ich wohnte dann bei ihr für ein paar Tage allein. Später wechselte ich in Stefans Bude, ein winziges Zimmer in einem zerfallenden Haus in der Fischerstraße, gleich hinter dem Marktplatz. Ich hatte Stefan Geschenke mitgebracht, das große Finnisch-deutsche Wörterbuch von Katara, Alexis Kivis Sieben Brüder-Roman, Jeans und statt des von Stefan gewünschten Parkas eine grüne amerikanische Armeejacke, so eine mit Schulterklappen und zwei großen Brusttaschen und einem gesteppten Futter, das man rausknöpfen konnte.