Ob die Deutschen über eine kollektive Identität verfügen, weiß ich nicht. Aber nachweisen lässt sich gewiss, dass es immer wieder massive Bemühungen gegeben hat, ihnen eine solche kollektive Identität zu verpassen. Charakteristisch war an diesen Bemühungen in den Jahrzehnten zwischen ca. 1800 und 1945, dass die Deutschen sich als etwas ganz Besonderes betrachten sollten. Dazu wurden gegenüber den Nachbarvölkern kulturelle Abgrenzungen konstruiert, die weit über den trivialen Sachverhalt hinausgriffen, dass die anderen Völker sich halt nicht auf Deutsch sondern in anderen Sprachen verständigen. Über das Beharren der Deutschen, sich als von Natur aus besser als ihre Nachbarn einzuschätzen, klagt u. a. Thomas Mann, – etwa im Fitelberg-Kapitel seines Doktor Faustus: Die Deutschen „werden sich mit ihrem Nationalismus, ihrer Unvergleichlichkeitspuschel, ihrem Hass auf Einreihung und Gleichstellung, ihrer Weigerung, sich bei der Welt einführen zu lassen und sich gesellschaftlich anzuschließen, – sie werden sich damit ins Unglück bringen […].“2

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Von der Täter- zur Opfernation?

  • Andreas F. Kelletat

摘要

Ob die Deutschen über eine kollektive Identität verfügen, weiß ich nicht. Aber nachweisen lässt sich gewiss, dass es immer wieder massive Bemühungen gegeben hat, ihnen eine solche kollektive Identität zu verpassen. Charakteristisch war an diesen Bemühungen in den Jahrzehnten zwischen ca. 1800 und 1945, dass die Deutschen sich als etwas ganz Besonderes betrachten sollten. Dazu wurden gegenüber den Nachbarvölkern kulturelle Abgrenzungen konstruiert, die weit über den trivialen Sachverhalt hinausgriffen, dass die anderen Völker sich halt nicht auf Deutsch sondern in anderen Sprachen verständigen. Über das Beharren der Deutschen, sich als von Natur aus besser als ihre Nachbarn einzuschätzen, klagt u. a. Thomas Mann, – etwa im Fitelberg-Kapitel seines Doktor Faustus: Die Deutschen „werden sich mit ihrem Nationalismus, ihrer Unvergleichlichkeitspuschel, ihrem Hass auf Einreihung und Gleichstellung, ihrer Weigerung, sich bei der Welt einführen zu lassen und sich gesellschaftlich anzuschließen, – sie werden sich damit ins Unglück bringen […].“2