In der Gedächtnisforschung, der Literaturwissenschaft und darüber hinaus rückt in den letzten Jahren immer wieder die Frage nach einem ‚europäischen Gedächtnis‘ in den Fokus, wenn es um transnationale Erfahrungen und Erinnerungen geht – wie es beispielsweise die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015 und auch bestimmte Meilensteine und Wendepunkte der Europäischen Union (z. B. Römische Verträge, Euro-Einführung, Osterweiterung, Brexit) waren. Eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur könnte zu einer „resource for shaping citizenship“ (Rigney 2012: 624) werden. Ob es aber ein solches Gedächtnis überhaupt geben und wie es aussehen könnte, ist noch immer Streitfrage zahlreicher (populär)wissenschaftlicher Auseinandersetzungen (vgl. beispielsweise König/Schmidt/Sicking 2008, Assmann 2012 und Jullien 2017). Claus Leggewie spricht in Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt (2011) mit Blick auf ein europäisches Gedächtnis von „sieben Kreise[n] europäischer Erinnerung“ (Leggewie 2011: 14). Im Zentrum steht dabei der Holocaust als Europas negativer Gründungsmythos und wichtigster europäischer Gedächtnisaspekt. Es folgen zweitens die Verbrechen des Sowjetkommunismus, drittens ethnische Säuberungen und Vertreibungen als transnationale, europäische Traumata, viertens Kriege und Krisen und fünftens Kolonialismus. Als sechsten Punkt nennt er „die transnationalen Wanderungen nach Europa im 19. und 20. Jahrhundert und vor allem seit den 1950er Jahren“, die auch eine „Geschichte von Asyl und Armutsmigration ist“ (ebd. 40) und sich selbstredend auch im 21. Jahrhundert fortsetzt. Leggewie merkt jedoch an: „Europa hat heute in toto einen ausgeprägten ‚Migrationshintergrund‘, dem das öffentliche Bewusstsein und die Einwanderungs- und Integrationspolitiken kaum entsprechen.“ (Ebd. 41) Inwiefern insbesondere das Thema der Flucht in der Gegenwartsliteratur über Europa aufgegriffen und somit in den Bereich des öffentlichen Bewusstseins gerückt wird und welche Aspekte dort im Fokus stehen, ist im ersten Teil dieses Kapitels Gegenstand der Analyse. Beispielhaft wird dafür der Roman Die spürst du nicht (2023) des österreichischen Autors Daniel Glattauer herangezogen. Anschließend soll im zweiten Teil des Kapitels ein Blick auf Graphic Novels geworfen werden, in denen das Thema der Flucht in den letzten Jahren ebenfalls sehr präsent sind und die über ganz andere Gestaltungsmöglichkeit verfügen als die Romane. Als Beispiel wird hier Patrick Oberholzers GAMES. Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan (2023) untersucht. Natürlich lässt sich in diesem Rahmen nicht die gesamte Komplexität eines solchen Themas ausarbeiten, es wird aber eine bestimmte Facette der Literatur über Flucht in Europa beleuchtet, die in anderen Kapiteln1 durch weitere Blickwinkel, Herangehensweisen und andere Korpora eine Ergänzung findet.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Grenzen und Europa im Gegenwartsroman. Fluchtliteratur, EU-Roman und Graphic Novel

  • Annabelle Jänchen

摘要

In der Gedächtnisforschung, der Literaturwissenschaft und darüber hinaus rückt in den letzten Jahren immer wieder die Frage nach einem ‚europäischen Gedächtnis‘ in den Fokus, wenn es um transnationale Erfahrungen und Erinnerungen geht – wie es beispielsweise die sogenannte Flüchtlingskrise von 2015 und auch bestimmte Meilensteine und Wendepunkte der Europäischen Union (z. B. Römische Verträge, Euro-Einführung, Osterweiterung, Brexit) waren. Eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur könnte zu einer „resource for shaping citizenship“ (Rigney 2012: 624) werden. Ob es aber ein solches Gedächtnis überhaupt geben und wie es aussehen könnte, ist noch immer Streitfrage zahlreicher (populär)wissenschaftlicher Auseinandersetzungen (vgl. beispielsweise König/Schmidt/Sicking 2008, Assmann 2012 und Jullien 2017). Claus Leggewie spricht in Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt (2011) mit Blick auf ein europäisches Gedächtnis von „sieben Kreise[n] europäischer Erinnerung“ (Leggewie 2011: 14). Im Zentrum steht dabei der Holocaust als Europas negativer Gründungsmythos und wichtigster europäischer Gedächtnisaspekt. Es folgen zweitens die Verbrechen des Sowjetkommunismus, drittens ethnische Säuberungen und Vertreibungen als transnationale, europäische Traumata, viertens Kriege und Krisen und fünftens Kolonialismus. Als sechsten Punkt nennt er „die transnationalen Wanderungen nach Europa im 19. und 20. Jahrhundert und vor allem seit den 1950er Jahren“, die auch eine „Geschichte von Asyl und Armutsmigration ist“ (ebd. 40) und sich selbstredend auch im 21. Jahrhundert fortsetzt. Leggewie merkt jedoch an: „Europa hat heute in toto einen ausgeprägten ‚Migrationshintergrund‘, dem das öffentliche Bewusstsein und die Einwanderungs- und Integrationspolitiken kaum entsprechen.“ (Ebd. 41) Inwiefern insbesondere das Thema der Flucht in der Gegenwartsliteratur über Europa aufgegriffen und somit in den Bereich des öffentlichen Bewusstseins gerückt wird und welche Aspekte dort im Fokus stehen, ist im ersten Teil dieses Kapitels Gegenstand der Analyse. Beispielhaft wird dafür der Roman Die spürst du nicht (2023) des österreichischen Autors Daniel Glattauer herangezogen. Anschließend soll im zweiten Teil des Kapitels ein Blick auf Graphic Novels geworfen werden, in denen das Thema der Flucht in den letzten Jahren ebenfalls sehr präsent sind und die über ganz andere Gestaltungsmöglichkeit verfügen als die Romane. Als Beispiel wird hier Patrick Oberholzers GAMES. Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan (2023) untersucht. Natürlich lässt sich in diesem Rahmen nicht die gesamte Komplexität eines solchen Themas ausarbeiten, es wird aber eine bestimmte Facette der Literatur über Flucht in Europa beleuchtet, die in anderen Kapiteln1 durch weitere Blickwinkel, Herangehensweisen und andere Korpora eine Ergänzung findet.