„Und Noth die Treue“: Schlussbemerkungen
摘要
Hölderlin setzt auch nach seiner Rückkehr aus Bordeaux seinen dichterischen Diskurs mit der Antike fort, allerdings in veränderter Form. Die paradoxal konzipierte Komplementarität des Schaffensprozesses in Antike und Moderne, wie sie im ersten Brief Hölderlins an Casimir Böhlendorff formuliert wurde, gilt sicherlich nicht mehr, wie auch die Geopoetik des Dichters nicht mehr auf der Dialektik von Ferne und Nähe gründet. Die griechische Landschaft büßt immer mehr ihre von einer Vogelperspektive konzipierte Einheitlichkeit ein. Der mythische Überlieferungsraum der Griechen, das Festland, ist vergangen, steht endgültig in Ruinen. Anders die Inseln, die in ihrer Beweglichkeit und Pluralität geschichtsträchtige Zeugen sind. Einige von ihnen sind in ihrer übermäßigen Liebe zu den Himmlischen zu Asche verbrannt, andere bieten immer noch Schutz für den Verbannten und sind therapeutische Orte des Trosts, etwa im Freiheitskampf der Griechen. Hölderlins dichterische Landkarte zeigt sich nach 1802 immer fragmentierter, es entstehen darauf Inselwelten mit ungewöhnlichen Synthesen der Erinnerung und mit Bruchstellen der Zeit und des Raums. In diesen fragmentierten Welten irrend (und nicht mehr wandernd), folgt der Dichter der Bewegung der Inseln, schifft mit ihnen in Zeit und Raum, schwingt mit ihrer geologischen, historischen und kulturellen Dynamik bis zu ihrer Tragik.