Religiöse und humanistische Entfeindungsvorstellungen: Überwindung des Hasses und der Feindschaft
摘要
Da wir im Westen durch eine christliche Kultur geprägt sind, ist es unerlässlich, auf die Lehren Jesu zum Thema Entfeindung einzugehen, die der Kern des christlichen Glaubens sind. Weil sich die bereits diskutierten An- und Verfeindungen auch gegen Jesu richteten, erscheint es sinnvoll seinen Umgang mit dem Feindschaftlichen zu erschließen. Es stellt sich zunächst die Frage, warum der von den Christen als Friedensfürst bezeichnete Jesus neben seinen vielen Freunden und Verehrern, die durch seine Botschaft angeregt und erquickt wurden, solch eine große Anzahl von Feinden hatte. Wer waren seine Feinde? Die erbittertsten Hauptgegner waren die Pharisäer, die die mosaischen Gesetze als Wegweiser für das Alltagsleben festlegten und Abweichungen von diesem Gesetzbuch bestraften (siehe Matthäus 12, 1 ff.). Die Pharisäer waren auch der Meinung, dass Gott darauf schaue, „ob ihr äußerliches Leben in Übereinstimmung mit dem Gesetz steht“ (Bridges 2019). Sie legten keinerlei Wert auf die Motive des Handelns. Z. B. übertrat Jesus das damalige Sabbatgebot, weil er an diesem Tag Kranke heilte. Der Leitgedanke, anderen Menschen zu helfen und nicht die von Menschen stammenden Traditionen und Vorschriften des Gesetzbuches als Priorität zu setzen, trug zur Feindschaft gegenüber den gesetzestreuen Pharisäern bei. Das schlimmste seiner Botschaft war jedoch, dass er sich selbst als Sohn Gottes bezeichnete oder von seinen Mitmenschen als Sohn Gottes bezeichnet wurde (Markus 9, 7; Matthäus 3, 17, Johannes 1, 19 u. a.). Von den Pharisäern wurde diese göttliche Hochstilisierung als Lästerung Gottes begriffen, denn nach dem jüdischen Glauben können Menschen niemals göttlich sein. Neben den Jesus feindlich gesinnten und ihn hassenden pharisäischen Hohepriestern und Ältesten gab es noch die römischen Feinde, wie den Landesherrn Herodes Antipas und den Präfekten Pontius Pilatus, die befürchteten, dass Jesus ein Aufrührer gegen das Römische Reich sei und ein neues Reich auf Erden gründen wolle. Doch seine Vision einer neuen sozialen Welt war eine völlig andere. Er verkündete: „Mein Königreich gehört nicht zu dieser Welt. Wäre ich ein weltlicher Herrscher, dann hätten meine Leute für mich gekämpft, damit ich nicht in die Hände der Juden falle. Aber mein Reich ist von ganz anderer Art.“ (Johannes 18, 36) Sein Reich sollte, seiner Auffassung nach, nicht auf Herrschaftsstrukturen, Machtprinzipien, Kriegs- und Siegesgeist oder zu bekämpfenden Feindschaften basieren, sondern es sollte eine neue Praxis der Entfeindung aufblühen, die von den Römern, deren Politik auf Feindschaften und auf kriegerische Auseinandersetzungen ausgerichtet war, nicht verstanden werden konnte. Selbst Petrus, einer der vertrautesten Jünger Jesu, verstand Jesu Vorstellung einer neuen Welt ohne Feindschaften nicht, denn er soll laut Johannes 18, 10–11, um die Gefangennahme Jesu zu verhindern, zum Schwert gegriffen und dem Diener des Hohepriesters, Malchus, ein Ohr abgeschlagen haben. Die Worte Jesu waren: „Steck dein Schwert weg“, denn er wollte Nächstenliebe, Solidarität und Gewaltlosigkeit im Umgang mit seinen Mitmenschen realisieren, selbst in Zeiten seiner Gefangennahme und Verurteilung. Statt mit Gewalt auf die ihm zugefügten Gewalttätigkeiten zu reagieren, war er auf Friedfertigkeit und Versöhnung ausgerichtet (siehe Hellerich 2014, Kapitel IX). Diese Botschaft der Entfeindung nahm Jesus bereits in seiner Bergpredigt vorweg, wenn er, nach Matthäus 5–7 einen gewaltfreien Umgang mit den Feinden dieser Welt proklamierte.