Juni 2025. Es kann im Juni sehr heiß werden in den Waggons der Londoner U-Bahn. An einem besonders drückenden Tag sitzt mir ein untersetzter, ungepflegter Mittvierziger mit nassem Shirt gegenüber. Sein Kopf ist leicht nach hinten geneigt, ruht auf einer Falte seines Stiernackens und wackelt gemächlich im Takt der Tube. Mit wachen Augen blickt er scheinbar in meine Richtung, was mich unruhig werden lässt. Bis mir auffällt, dass sein Blick scharf an meinem Kopf vorbei zielt und ein über dem Fenster prangendes Werbeschild fixiert. Als ich sogleich vorsichtig prüfend nachsehe, was meinen Fahrtnachbarn beschäftigt, erblicke ich ein Gedicht von Emily Dickinson: „I stepped from Plank to Plank“. Es handelt von unsicheren Schritten, mit denen sich das lyrische Ich durch die Welt bewegt, von der Zuversicht trotz drohender Gefahren und von Erfahrungen, die auf jeden warten. „Mind the gap“, quakt es aus den Lautsprechern des quietschend zum Stehen kommenden U-Bahn-Wagens. Ich reiße mich von Dickinsons Versen los und verlasse den Zug, auf der Suche nach weiteren Entdeckungen im Londoner Menschengewirr.

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Gedankenstriche – Lyrik als Anker

  • Thorsten Schulte

摘要

Juni 2025. Es kann im Juni sehr heiß werden in den Waggons der Londoner U-Bahn. An einem besonders drückenden Tag sitzt mir ein untersetzter, ungepflegter Mittvierziger mit nassem Shirt gegenüber. Sein Kopf ist leicht nach hinten geneigt, ruht auf einer Falte seines Stiernackens und wackelt gemächlich im Takt der Tube. Mit wachen Augen blickt er scheinbar in meine Richtung, was mich unruhig werden lässt. Bis mir auffällt, dass sein Blick scharf an meinem Kopf vorbei zielt und ein über dem Fenster prangendes Werbeschild fixiert. Als ich sogleich vorsichtig prüfend nachsehe, was meinen Fahrtnachbarn beschäftigt, erblicke ich ein Gedicht von Emily Dickinson: „I stepped from Plank to Plank“. Es handelt von unsicheren Schritten, mit denen sich das lyrische Ich durch die Welt bewegt, von der Zuversicht trotz drohender Gefahren und von Erfahrungen, die auf jeden warten. „Mind the gap“, quakt es aus den Lautsprechern des quietschend zum Stehen kommenden U-Bahn-Wagens. Ich reiße mich von Dickinsons Versen los und verlasse den Zug, auf der Suche nach weiteren Entdeckungen im Londoner Menschengewirr.