Im letzten Kapitel wurde die Möglichkeit der Gewinnung apriorischer Wesensnotwendigkeit durch eidetische Variation in der Phantasie geprüft, indem der Variationsprozess bis zu seinem Rückgang auf den Typus hin rekonstruiert wurde. Die vorangegangenen Analysen machen jedoch deutlich, dass die eidetische Variation ihr beanspruchtes Ziel nicht einzulösen vermag. Das Fazit unserer Betrachtung zur Lehre der eidetischen Variation in der Phantasie lautet: Wenn überhaupt etwas Neues durch ein Variationsverfahren in der Phantasie gewonnen werden kann, so ist es der vorkonstituierte, bislang implizit bleibende Typus. Wenn sich Wesensnotwendigkeit nicht als die durch ein Variationsverfahren herausgestellte Invariante erweist, stellt sich die Frage, in welchem Sinne überhaupt noch von Wesensnotwendigkeit gesprochen werden kann und auf welche Weise sie erfassbar ist. Damit ergibt sich für das vorliegende Kapitel die Aufgabe, nach einer sachangemessenen Erklärung der Konstitution von Wesensnotwendigkeit zu suchen. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass die nachfolgende Darstellung von der gängigen Interpretation der husserlschen Lehre der Wesensschau abweicht. Gewiss setzen die nachfolgenden Untersuchungen nicht ex nihilo an, sondern drängen sich aus den vorangegangenen Analysen in wesentlicher Weise auf. Der Versuch, der intuitiven Wesenslehre eine neue Darstellung zu geben, ist dabei weniger von dem Anliegen einer getreuen Rekonstruktion von Husserls Ausführungen zur Wesenslehre geleitet als vielmehr von dem allgemeineren Anspruch einer Letztbegründung, der auch Husserls Erkenntnistheorie selbst motiviert. Unsere Absicht besteht also darin aufzuzeigen, wie das Apriori im eigentlichen Sinne gewonnen werden kann, was wiederum den wahren Sinn der Wesensschau ausmacht und zugleich das Fundament von Husserls Kant-Kritik bildet. Schließlich ist die Wesensschau als Wesensanalyse neu zu bestimmen. Unsere Bestimmung der Wesensanalyse bedarf jedoch einer sorgfältigen Entfaltung; sie wird durch kritische Untersuchungen in voller Schärfe hervortreten.

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Ein neuer Versuch zur Bestimmung der Wesensschau als Wesensanalyse

  • Mingyu Wang

摘要

Im letzten Kapitel wurde die Möglichkeit der Gewinnung apriorischer Wesensnotwendigkeit durch eidetische Variation in der Phantasie geprüft, indem der Variationsprozess bis zu seinem Rückgang auf den Typus hin rekonstruiert wurde. Die vorangegangenen Analysen machen jedoch deutlich, dass die eidetische Variation ihr beanspruchtes Ziel nicht einzulösen vermag. Das Fazit unserer Betrachtung zur Lehre der eidetischen Variation in der Phantasie lautet: Wenn überhaupt etwas Neues durch ein Variationsverfahren in der Phantasie gewonnen werden kann, so ist es der vorkonstituierte, bislang implizit bleibende Typus. Wenn sich Wesensnotwendigkeit nicht als die durch ein Variationsverfahren herausgestellte Invariante erweist, stellt sich die Frage, in welchem Sinne überhaupt noch von Wesensnotwendigkeit gesprochen werden kann und auf welche Weise sie erfassbar ist. Damit ergibt sich für das vorliegende Kapitel die Aufgabe, nach einer sachangemessenen Erklärung der Konstitution von Wesensnotwendigkeit zu suchen. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass die nachfolgende Darstellung von der gängigen Interpretation der husserlschen Lehre der Wesensschau abweicht. Gewiss setzen die nachfolgenden Untersuchungen nicht ex nihilo an, sondern drängen sich aus den vorangegangenen Analysen in wesentlicher Weise auf. Der Versuch, der intuitiven Wesenslehre eine neue Darstellung zu geben, ist dabei weniger von dem Anliegen einer getreuen Rekonstruktion von Husserls Ausführungen zur Wesenslehre geleitet als vielmehr von dem allgemeineren Anspruch einer Letztbegründung, der auch Husserls Erkenntnistheorie selbst motiviert. Unsere Absicht besteht also darin aufzuzeigen, wie das Apriori im eigentlichen Sinne gewonnen werden kann, was wiederum den wahren Sinn der Wesensschau ausmacht und zugleich das Fundament von Husserls Kant-Kritik bildet. Schließlich ist die Wesensschau als Wesensanalyse neu zu bestimmen. Unsere Bestimmung der Wesensanalyse bedarf jedoch einer sorgfältigen Entfaltung; sie wird durch kritische Untersuchungen in voller Schärfe hervortreten.