Die Lehre der Wesensschau im Licht der historischen Wende
摘要
„Warum bedarf Philosophie der Philosophiegeschichte?“ und „Wie bedarf es der Geschichte?“ – dies sind Fragen, die Husserl sich in seinen letzten Jahren, etwa 1934/35, stellt. Diese Fragestellung erscheint zunächst auffallend, wenn man Husserls frühere Position berücksichtigt, in der er die historische Untersuchung ausdrücklich aus der Phänomenologie auszuschließen suchte. Wie die späte historische Besinnung mit der intuitiven Erfassbarkeit des Wesens in Einklang zu bringen ist, stellt sich daher als eine Kernfrage dar. Das vorliegende Kapitel vertritt die These, dass Husserls historische Wende keineswegs einen Bruch mit der Lehre der Wesensschau markiert. Vielmehr vollzieht sie eine notwendige Differenzierung innerhalb des Bereichs idealer Gegenständlichkeiten und stellt somit einen entscheidenden Fortschritt im Verständnis der methodischen Leistung der Wesensschau dar. In den LU hat Husserl durch seine Psychologismuskritik die Idee der reinen Logik begründet, der zufolge die Logik nicht auf anderen Disziplinen, sondern in sich selbst gründet. Die Phänomenologie dient dabei dem Zweck, die Bedeutungen logischer Grundbegriffe und -gesetze durch die Wesensschau zu fixieren, um Äquivokationen zu beheben und die dadurch bedingte psychologistische Neigung zu überwinden. Demgemäß wurden die Grundbegriffe und Gesetze der Logik und Mathematik in ihren vorfindlichen Formen als absolut grundlegend vorausgesetzt und schlicht als unmittelbare Resultate der Wesensschau betrachtet. Spätestens in der FtL wird jedoch deutlich, dass auch Logik und Mathematik idealisierende Setzungen in sich bergen, die nicht anschaulich gegeben werden können. Vielmehr haben sie ihren Ursprung in der Geschichte. In diesem Kapitel wird aus dieser Einsicht eine Weiterentwicklung der intuitiven Wesenslehre im Zusammenhang mit der historischen Besinnung in der Krisis herausgearbeitet.