Die Vorgeschichte der Lehre der Wesensschau in der vor-phänomenologischen Phase
摘要
Wie Werner Illemann treffend bemerkte, ist „ein richtiges Verständnis der phänomenologischen Schule erst dann zu erwarten [...], wenn einmal ernsthaft die Frage nach der Entstehung der Phänomenologie bei Husserl selbst aufgeworfen und beantwortet wird“. Diese Entstehung ist untrennbar mit der Überwindung des Psychologismus verknüpft. Auch der Durchbruch der Methode der Wesensschau, welche neben der transzendentalen Reduktion den eigentlichen Sinn der Phänomenologie ausmacht, muss aus diesem antipsychologischen Kontext heraus begriffen werden. Manche Forscher bezweifeln, ob Husserl jemals eine psychologistische Position eingenommen hat. Diese Frage ist für unser Vorhaben insofern relevant: Hätte Husserl in der PA keine psychologistische Position vertreten, so wäre es wahrscheinlich, dass die Methode der Wesensschau dort bereits Anwendung gefunden hätte – eine Auffassung, die in der Forschung tatsächlich teils vertreten wird. In diesem Kapitel wird daher zunächst gezeigt, dass Husserls PA einen psychologischen Charakter hat und er dementsprechend in der PA noch nicht über eine mit der Wesensschau vergleichbare Methode verfügte, sondern lediglich eine empirische Abstraktionsmethode anwandte. Daran anschließend stellt sich die Frage nach Husserls Forschungsweg während der „stillen Jahre“ (1891–1900/01): Wie vollzog sich seine Entwicklung weg vom Psychologismus hin zum phänomenologischen Durchbruch und zur systematischen Ausarbeitung der Wesensschau? Schließlich wird die platonische Tradition der Ideenschau – darunter Konzepte wie die „Gottesschau“, die „intellektuelle Anschauung“ u. dgl. – in den Blick genommen, um die weitverbreitete, aber falsche Meinung zu widerlegen, diese Tradition bilde die Vorgeschichte für Husserls Konzeption der Wesensschau.