Einleitung
摘要
Lassen Sie uns mit einem Erinnerungsbericht beginnen. In seinem Buch „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“, beschreibt Binjamin Wilkomirski (1995, S. 9 f.) in seiner ersten Erinnerung, wie er als Kleinkind die Ermordung eines Mannes – sein „Vater vielleicht“ – mit ansieht. Es beginnt damit, dass er das schwere Trampeln von Stiefeln hört und aus seinem Versteck unter einer Decke aus dem Bett gerissen, hochgehoben und auf den Zimmerboden fallen gelassen wird. Er schreibt, wie er vier oder fünf Knaben aufgereiht dastehen sieht – seine „Brüder vielleicht“. Und daneben in einer Ecke des Raumes einen Mann mit Mantel und Hut, der ihn anlächelt, und der „vielleicht“ sein Vater sein könnte. Dann brüllen Uniformierte den Mann an, schlagen ihn und führen ihn zur Tür hinaus und im Hausflur stößt jemand einen Angstschrei aus „Achtung! Lettische Miliz!“. Während der Mann die Treppe runtergeführt wird, kriecht Wilkomirski ihm nach, bis er auf der vereisten Straße landet, die abgesperrt ist wie eine Sackgasse. Der Mann steht an der Hauswand und die Uniformierten springen auf ein Auto, schreien ihn in rasender Wut an („Macht ihn fertig!“), und fahren auf die Hauswand zu. Wilkomirski beschreibt, wie er etwas weiter weg neben ihm an der Hauswand sitzt und den Mann anschaut, wie sich dessen Gesicht plötzlich verzerrt, der Mann sich abwendet und den Mund aufreißt – aber kein Schrei herauskommt, sondern ein „mächtiger, schwarzer Strahl“ aus dessen Kehle schießt, als das Auto mit den Uniformierten ihn zerquetscht. Aus weiteren – chronologisch aufgeführten – Erinnerungsberichten scheint deutlich zu werden, dass Wilkomirski sich in einem Alter befindet, in dem er noch nicht (sicher) laufen kann: er wird getragen, während andere Knaben „selber laufen können“ (S. 11).