Wer soll das glauben? Zur Interdependenz ethischer und erzählerischer Untreue in Conrad Ferdinand Meyers Das Amulett (1873)
摘要
Die Forschung hat Conrad Ferdinand Meyers Das Amulett bislang überwiegend als Kommentar zu den konfessionellen Spannungen des 16. Jahrhunderts, in dem die Novelle spielt, sowie als Auseinandersetzung mit den tagespolitischen Ereignissen zur Entstehungszeit des Werkes gelesen. Dieser religiös-politischen Deutung stellt der Beitrag eine alternative Lesart zur Seite, in deren Zentrum die Treue-Semantik steht. Das Spannungsverhältnis zwischen ethischer Treue und erzählerischer Unzuverlässigkeit, in dem sich insbesondere der Erzähler Schadau und sein Freund Boccard bewegen, legt eine kritische Lektüre nahe, die Meyers Text als Reflexion über Schuld, Verantwortung, narrative Selbstrechtfertigung und nicht zuletzt über die Möglichkeit wirklichkeitsgetreuen Erzählens selbst erschließt.