Scham und Sprachfähigkeit. Epistemische Vereinzelung am Beispiel von Inès Bayards Roman Scham
摘要
In diesem Beitrag werden das Phänomen der Scham und dessen theoretische Grundlagen mit dem Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit von Miranda Fricker verbunden. Scham wird dabei als Symptom einer epistemischen Ungerechtigkeitserfahrung begriffen. Das Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit und die theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Schamphänomen bilden den Untersuchungsrahmen, der durch die Analyse des Romans Scham von Inès Bayard um eine individuelle Dimension, die sich im Erfahrungsbericht der Protagonistin Marie widerspiegelt, ergänzt und erweitert wird. Anhand des Romans Scham kann beispielhaft gezeigt werden, wie soziale Machtstrukturen im Subjekt, aber auch in seinem Umfeld wirken. Der Roman fungiert als Beispiel für eine epistemische Vereinzelungserfahrung, die sich in destruktivem Schamerleben niederschlägt und die Zerstörung des Subjekts zur Folge hat. Die zentrale These des Aufsatzes lautet, dass der Ausweg aus der Vereinzelung und aus dem Bruch zwischen Ich und Umwelt durch Selbstmitteilung ermöglicht wird. Narrative Muster anzubieten, wie es in Form von Literatur geschieht, erleichtert den kommunikativen Zugang zu der eigenen Erfahrung und ermöglicht damit einen Weg vom Innen in ein Außen, wodurch Reintegration hergestellt wird. Damit erscheint Literatur nicht bloß als therapeutisches Mittel gegen epistemische Vereinzelung, sondern auch als machtkritische Instanz, insofern die mit der Scham einhergehende und machtbedingte Desintegration durchbrochen werden kann.