Zur Wahrnehmungslehre in Klages’ Lebensphilosophie und Plessners Die Einheit der Sinne
摘要
Durch eine Annäherung an das Wahrnehmungsdenken der Philosophen Plessner und Klages soll thematisiert werden, inwiefern der sachliche Abstand zwischen beiden geringer ist, als oft behauptet wird, aber auch, wo Gräben bleiben. Im frühen 20. Jahrhundert steht im Rahmen der Wahrnehmungsphilosophie als theoretisches Paradigma der Sensualismus zur Verfügung, der von getrennten Sinnesvermögen ausgeht, welche dem verarbeitenden Geist einzelne Sinnesreize zur Verfügung stellen, der dann verschiedene Anschlussprozesse anstößt. Gegen dieses Paradigma platzieren sich Klages und Plessner mit ihren Theorien kritisch. Klages bemerkt die Defizite des Paradigmas, will sie aber ruckartig durch einen radikalen Gegentypus des Erlebens beheben. Er kann zwar das Zustandekommen und die Probleme der üblichen Thematisierung der Sinne erklären, aber für sein Modell bleibt er auf die letztlich unverfügbare Schauensfähigkeit der Leser angewiesen. Plessner hingegen vermag insofern zu überzeugen, als er mit seinem Modell zeigen kann, wieso der Sensualismus irrt und warum sogleich die Alternative kein kulturfreies Schauen sein kann. Er kann verständlich machen, dass Sinne durch kulturbedingte Geistestätigkeit mitgeprägt werden, wie aber auch diese mit den Sinnen als Material in naturbedingt vorgeprägter Weise verfahren muss. Plessners Modell markiert die Mitte zwischen Pathik (Klages) einerseits, Aktivität (sensualistischer Rationalismus) andererseits – eine differenzierte Position, die als Vergleichsmaßstab für die Gegenwart neue Unterkomplexitäten (etwa neurophysiologischer oder konstruktivistischer Art) verhindern helfen kann.