Theodor Fontane im Fokus einer klassenorientierten Narratologie – Empfindsamer Realismus, romantischer Volksbegriff und bürgerliche Utopien
摘要
Klassenverhältnisse werden in Theodor Fontanes Romanen Irrungen, Wirrungen (1887/1888) und Stine (1890) nicht nur in der Diegese zum Thema gemacht, sondern prägen und strukturieren auch das Erzählen selbst. Die Gestaltung der erzählten Welt und der darin agierenden Figuren, die Verteilung der Innensicht, die Wahl der sprachlichen Codes wie auch (explizite und implizite) Wertungen der Erzählinstanz indizieren ein Erzählen, das klassenspezifische Marker des Bürgerlichen aufweist. Dabei exponieren Fontanes Zeitromane eine narrative und ideologische Komplexität, die die Widersprüche bürgerlicher Kultur- und Gesellschaftskritik im ausgehenden 19. Jahrhundert zum Ausdruck bringt: Die Erzählinstanz sucht den narrativen Schulterschluss mit den adligen Protagonisten, obschon ihre Sympathien den ‚unteren Volksklassen‘ gelten; die kritische Auseinandersetzung mit der Wilhelminischen Gesellschaft und ihren bürgerlichen Werten vollzieht sich im Zeichen bürgerlich-empfindsamer Ideale. Diesen Diskrepanzen wird im Beitrag nachgegangen und im Zuge dessen eine literatur- und kulturgeschichtliche Verortung spätrealistischen Erzählens vorgenommen.