In kritischer Auseinandersetzung mit Edmund Husserl und Martin Heidegger reflektierte der Kulturkritiker und „Medienphilosoph avant la lettre“ Günther Anders (1902–1992) bereits früh die phänomenologische Wahrnehmungs- und Konstitutionstheorie und den Begriff des „In-der-Welt-seins“ vor der Folie von Kunst und Musik. Anders‘ Interesse galt den sinnlichen Wahrnehmungsformen in ihrer weltkonstituierenden und welterschließenden Funktion, insbesondere dem Sehen und Hören. Dieses Erkenntnisinteresse führte bald zum Fokus auf neue Formen künstlicher Medialität, Radio, Film, Fernsehen. In seiner Technik- und Medienkritik analysierte Anders das „In-der-Welt-sein“ unter modernen technisch-medialen Bedingungen und charakterisierte den neuen Existenzmodus als ein konformistisches, unfreies, „mediales“ Dasein, dessen Integrität und Subjektivität verwischt und schließlich ganz zum Verschwinden gebracht wird. Diesem Dasein korrespondiert eine medial konstruierte, konsumgerechte (Schein-)Welt, die Anders als Abbild ihres eigenen Bildes beschreibt, was einer Umkehrung des phänomenologischen Erfüllungs- und Fundierungsverhältnisses zwischen Bild und Realität gleichkommt. Bedroht sieht Anders die von ihm anthropologisch konstatierte Weltoffenheit des Menschen, seinen offenen Erfahrungshorizont und seine Erfahrungsmöglichkeiten, damit seine Freiheit, Unfestgelegtheit und Diversität. Ergänzt werden die phänomenologischen Analysen moderner Medien durch sozioökonomische Erklärungsfiguren. Dabei definiert Anders das Verhältnis von Sein und Bewusstsein neu, nämlich im Sinn einer Prävalenz der Technik vor Politik und Ökonomie. Damit konterkariert er den Technik- und Fortschrittsoptimismus sowohl des Marxismus als auch des Kapitalismus. Anders’ Medienphänomenologie formiert sich im Zusammenspiel mit diesen marxistisch-materialistischen und kulturkritischen Erklärungsfiguren zu einer Medienkritik mit deutlichem „Verwerfungsgestus“ (Lorenz Engell).

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„Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wirklich“. Medienphänomenologie und Medienkritik bei Günther Anders

  • Reinhard Ellensohn,
  • Kerstin Putz

摘要

In kritischer Auseinandersetzung mit Edmund Husserl und Martin Heidegger reflektierte der Kulturkritiker und „Medienphilosoph avant la lettre“ Günther Anders (1902–1992) bereits früh die phänomenologische Wahrnehmungs- und Konstitutionstheorie und den Begriff des „In-der-Welt-seins“ vor der Folie von Kunst und Musik. Anders‘ Interesse galt den sinnlichen Wahrnehmungsformen in ihrer weltkonstituierenden und welterschließenden Funktion, insbesondere dem Sehen und Hören. Dieses Erkenntnisinteresse führte bald zum Fokus auf neue Formen künstlicher Medialität, Radio, Film, Fernsehen. In seiner Technik- und Medienkritik analysierte Anders das „In-der-Welt-sein“ unter modernen technisch-medialen Bedingungen und charakterisierte den neuen Existenzmodus als ein konformistisches, unfreies, „mediales“ Dasein, dessen Integrität und Subjektivität verwischt und schließlich ganz zum Verschwinden gebracht wird. Diesem Dasein korrespondiert eine medial konstruierte, konsumgerechte (Schein-)Welt, die Anders als Abbild ihres eigenen Bildes beschreibt, was einer Umkehrung des phänomenologischen Erfüllungs- und Fundierungsverhältnisses zwischen Bild und Realität gleichkommt. Bedroht sieht Anders die von ihm anthropologisch konstatierte Weltoffenheit des Menschen, seinen offenen Erfahrungshorizont und seine Erfahrungsmöglichkeiten, damit seine Freiheit, Unfestgelegtheit und Diversität. Ergänzt werden die phänomenologischen Analysen moderner Medien durch sozioökonomische Erklärungsfiguren. Dabei definiert Anders das Verhältnis von Sein und Bewusstsein neu, nämlich im Sinn einer Prävalenz der Technik vor Politik und Ökonomie. Damit konterkariert er den Technik- und Fortschrittsoptimismus sowohl des Marxismus als auch des Kapitalismus. Anders’ Medienphänomenologie formiert sich im Zusammenspiel mit diesen marxistisch-materialistischen und kulturkritischen Erklärungsfiguren zu einer Medienkritik mit deutlichem „Verwerfungsgestus“ (Lorenz Engell).