„Diese Landschaft wird, so oft ich sie anschaue, immer häßlicher. Sie ist häßlich und droht und ist voll böser Erinnerungspartikel.“ – Erinnerungsprozesse bei Thomas Bernhard zwischen Kalkwerk und Heldenplatz
摘要
In Thomas Bernhards Werk besteht eine enge Verknüpfung zwischen Figuren, Orten und Erinnerungen. Erinnerungen fungieren dabei nicht als bloße retrospektive Erfahrung oder als Mittel zur Verknüpfung lebensprägender Orte mit subjektiven Erlebnissen der Figuren. Vielmehr besitzen sie eine konstitutive Funktion: Durch das Erinnern werden sowohl Orte als auch andere Figuren innerhalb des Erzählgefüges erneut ins Leben gerufen oder – im Umkehrschluss – dem Vergessen anheimgegeben und ausgelöscht. Denn nur dadurch, so wird es in den hier analysierten Werken deutlich, kann eine Aussöhnung mit der durchweg düsteren und schmerzerfüllten Vergangenheit erst möglich werden. Auf diese Weise übernimmt das Erinnern eine aktive, strukturierende Rolle im narrativen Verlauf. Der folgende Aufsatz untersucht einschlägige Werke aus Bernhards Früh- und Spätwerk mit Blick auf Erinnerungsprozesse, die die gestörte österreichische Erinnerungskultur ebenso eindrücklich zur Schau stellen wie die von ihr betroffenen Figuren und deren Schicksale. Dies verfolgt letztlich das Ziel, die oft beschworene Finis Austriae – das Ende der österreichisch-jüdischen Kultur – auch als Gegenwartsphänomen greifbar zu machen.