Lücken der Sprache als Spuren der Gewalt – Zur lyrischen Darstellungsästhetik von Erinnerungsprozessen in Anja Utlers Gedichtzyklus jana, vermacht
摘要
Obschon der seit dem Ende der 1980er-Jahre präsente Memory Turn ein unüberschaubares interdisziplinäres Spektrum an Gedächtnistheorien und Analysen hervorgebracht hat, weist der Forschungsdiskurs zur gattungsspezifischen Darstellungsästhetik von Erinnerungsprozessen in Gedichten, speziell in denen der Gegenwartslyrik, weiterhin Lücken auf. Dass Lyrik als Medium von Erinnerungskulturen durch ihre gattungstypischen Eigenschaften, wie poetisch-rhetorisch überstrukturierte Sprache, verdichtende Versstruktur, formale Kürze und eine Tendenz zur Subjektivität, jedoch ein vielfältiges ästhetisches Potenzial birgt, soll in diesem Aufsatz durch ein Close Reading von Anja Utlers Gedichtzyklus jana, vermacht (2009) veranschaulicht werden. In einem Theorieteil werden zunächst die Typologien der Geschichts- und Erinnerungslyrik sowie der dazugehörige, sich noch immer in seinen Anfängen befindende Forschungsdiskurs skizziert. Im anschließenden Analyseteil wird in dem von der Forschung bislang gänzlich unbeachteten Gedichtzyklus jana, vermacht der zwischen einer deutschen Großmutter und ihrer Enkelin abbrechende Dialog und die daraus resultierenden Lücken im kommunikativen Gedächtnis als ambigue Gewaltspuren des Zweiten Weltkriegs, der Shoah und allgemein der NS-Zeit interpretiert. Dieser Analyseprozess stützt sich auf ein interdisziplinäres Zusammenspiel verschiedener literatur- und kulturwissenschaftlicher Konzepte (darunter Performativität, Dekonstruktion, soziales Gedächtnis, Erinnerungsorte).