Nach den Fähren ist sowohl ein Insel- als auch ein Erinnerungsroman. Die erzählte Insel ist als eigenzeitliche und -räumliche Insel-Welt (vgl. Ette 2011) konzipiert. Vermittelt wird sie durch ein Erzählen, das aufgrund seiner vielfältigen strukturellen, narratologischen und texttheoretischen Relationen als ‚inselweltlich‘ (vgl. ebd.) bezeichnet werden kann. Für eine Korrelierung von Insel und Erinnerung werden zwei Wahrnehmungs- bzw. Denkfiguren herangezogen: die Metapher und das Kippbild. Die konzeptionelle Metapher (vgl. Lakoff/Johnson 1980) erklärt das Erinnern durch die Operation der Übertragung. In Mengelers Roman modelliert die Insel die Erinnerung als räumlich, zeitlich und gesellschaftlich geformt und limitiert. Eine Lektüre über die Kippfigur, die hier erstmals für die Erinnerung ausgelotet werden soll, erweist sich als ebenso spannend wie komplex. Konzentriert man das Kippbild auf das ereignishafte Moment des Umschlagens von einem Bild ins andere (vgl. Wittgenstein 1984 und diverse Folgeuntersuchungen), ist seine Bedeutung für das Erinnern begrenzt: Das individuelle Erinnern entzieht sich der Kippfigur aufgrund seiner Rekursivität, im kommunikativen Erinnern muss das ‚Sehen als‘ auf mehrere Akteure aufgespalten werden, um ein Anders-Erinnern möglich zu machen, und für das kulturelle Erinnern hat das Kippbild kaum Potenzial: Wo ein fest codiertes Erinnerungsbild lanciert wird, ist das Eine oder das Andere zu sehen keine Option. Für die Erinnerung wird das Kippbild vor allem dann produktiv, wenn ihm vermittelnde Funktion zugeschrieben wird (vgl. Abbt 2021). Durch diese wird es möglich, unterschiedliche Erinnerungsbilder nicht als Gegensätze, sondern als Möglichkeiten derselben Erinnerung zu denken.

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„[Ein] herausgeschnittenes Stück Welt“ – Figuren der Erinnerung in Thea Mengelers Nach den Fähren

  • Ursula Klingenböck

摘要

Nach den Fähren ist sowohl ein Insel- als auch ein Erinnerungsroman. Die erzählte Insel ist als eigenzeitliche und -räumliche Insel-Welt (vgl. Ette 2011) konzipiert. Vermittelt wird sie durch ein Erzählen, das aufgrund seiner vielfältigen strukturellen, narratologischen und texttheoretischen Relationen als ‚inselweltlich‘ (vgl. ebd.) bezeichnet werden kann. Für eine Korrelierung von Insel und Erinnerung werden zwei Wahrnehmungs- bzw. Denkfiguren herangezogen: die Metapher und das Kippbild. Die konzeptionelle Metapher (vgl. Lakoff/Johnson 1980) erklärt das Erinnern durch die Operation der Übertragung. In Mengelers Roman modelliert die Insel die Erinnerung als räumlich, zeitlich und gesellschaftlich geformt und limitiert. Eine Lektüre über die Kippfigur, die hier erstmals für die Erinnerung ausgelotet werden soll, erweist sich als ebenso spannend wie komplex. Konzentriert man das Kippbild auf das ereignishafte Moment des Umschlagens von einem Bild ins andere (vgl. Wittgenstein 1984 und diverse Folgeuntersuchungen), ist seine Bedeutung für das Erinnern begrenzt: Das individuelle Erinnern entzieht sich der Kippfigur aufgrund seiner Rekursivität, im kommunikativen Erinnern muss das ‚Sehen als‘ auf mehrere Akteure aufgespalten werden, um ein Anders-Erinnern möglich zu machen, und für das kulturelle Erinnern hat das Kippbild kaum Potenzial: Wo ein fest codiertes Erinnerungsbild lanciert wird, ist das Eine oder das Andere zu sehen keine Option. Für die Erinnerung wird das Kippbild vor allem dann produktiv, wenn ihm vermittelnde Funktion zugeschrieben wird (vgl. Abbt 2021). Durch diese wird es möglich, unterschiedliche Erinnerungsbilder nicht als Gegensätze, sondern als Möglichkeiten derselben Erinnerung zu denken.