Menschliches erscheint in Nietzsches Rückblick als ›Krisis‹ und zugleich als ›Häutung‹, die den Aufbruch zur ›zweiten Seefahrt‹ beschreibt. Aus der Bayreuther Erschütterung von 1876 erwächst der Übergang von spekulativen Weltdeutungen zu den nahen und nächsten Dingen des menschlichen Lebens. Die Schrift wirkt diagnostisch und zugleich therapeutisch: Durch das Schreiben legt Nietzsche sein eigenes Allzumenschliches offen und begründet mit historisch-kritischer Methode und psychologischer Beobachtung die Abkehr von metaphysischen, religiösen und kunstgläubigen Erlösungsansprüchen. Philosophisch herausragend sind die ersten vier Hauptstücke, in denen der Bruch mit Schopenhauer und Wagner endgültig vollzogen ist; das fünfte und achte tragen den philosophisch unzureichend begründeten Sendungsauftrag eines ›Ausnahmemenschen‹ fort. Das sechste vertieft trotz moralisch-idealistischer (Vor-)urteile die Einsicht in die menschliche Soziabilität, die eine wachsende Kenntnis um die Leserschaft und esoterisch-exoterische Mitteilung bedingt. Das siebte bringt biographisch gefärbte Vorurteile ans Licht, scheut allerdings nicht die Konfrontation mit diesem bisher völlig unbedachten Teil des Lebens und gewinnt allegorisch (Weisheit/Kind) an philosophischer Tiefe. Das neunte bündelt alle vorigen Hauptstücke, indem es Überzeugungen als gefährlichste Feinde der Wahrheit diagnostiziert und die Differenz (und Gemeinsamkeit) von Philosophie und Dichtung schärft. Im Ganzen wird deutlich: Der ›Freigeist‹ ist ein Nichtphilosoph, verstrickt in Idealismus, Ideologie und Sendungsauftrag. Der ›freie Geist‹ hingegen gewinnt Gestalt als Ahnung einer höheren philosophischen Möglichkeit, hervorgegangen aus Krise und Loslösung, um seiner selbst willen den nahen und nächsten Dingen zugewandt, je mehr sich Nietzsche selbst zu Gesicht bekommt. Schließlich markiert die Streichung von Voltaire und Descartes 1886 Nietzsches Emanzipation und die bewusste Verweigerung jeder Parteinahme. Menschliches erweist sich so als Schiffbruch, aber vielmehr als Aufbruch ins philosophische Leben.

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Nietzsches Aufbruch ins philosophische Leben

  • Katharina Zech

摘要

Menschliches erscheint in Nietzsches Rückblick als ›Krisis‹ und zugleich als ›Häutung‹, die den Aufbruch zur ›zweiten Seefahrt‹ beschreibt. Aus der Bayreuther Erschütterung von 1876 erwächst der Übergang von spekulativen Weltdeutungen zu den nahen und nächsten Dingen des menschlichen Lebens. Die Schrift wirkt diagnostisch und zugleich therapeutisch: Durch das Schreiben legt Nietzsche sein eigenes Allzumenschliches offen und begründet mit historisch-kritischer Methode und psychologischer Beobachtung die Abkehr von metaphysischen, religiösen und kunstgläubigen Erlösungsansprüchen. Philosophisch herausragend sind die ersten vier Hauptstücke, in denen der Bruch mit Schopenhauer und Wagner endgültig vollzogen ist; das fünfte und achte tragen den philosophisch unzureichend begründeten Sendungsauftrag eines ›Ausnahmemenschen‹ fort. Das sechste vertieft trotz moralisch-idealistischer (Vor-)urteile die Einsicht in die menschliche Soziabilität, die eine wachsende Kenntnis um die Leserschaft und esoterisch-exoterische Mitteilung bedingt. Das siebte bringt biographisch gefärbte Vorurteile ans Licht, scheut allerdings nicht die Konfrontation mit diesem bisher völlig unbedachten Teil des Lebens und gewinnt allegorisch (Weisheit/Kind) an philosophischer Tiefe. Das neunte bündelt alle vorigen Hauptstücke, indem es Überzeugungen als gefährlichste Feinde der Wahrheit diagnostiziert und die Differenz (und Gemeinsamkeit) von Philosophie und Dichtung schärft. Im Ganzen wird deutlich: Der ›Freigeist‹ ist ein Nichtphilosoph, verstrickt in Idealismus, Ideologie und Sendungsauftrag. Der ›freie Geist‹ hingegen gewinnt Gestalt als Ahnung einer höheren philosophischen Möglichkeit, hervorgegangen aus Krise und Loslösung, um seiner selbst willen den nahen und nächsten Dingen zugewandt, je mehr sich Nietzsche selbst zu Gesicht bekommt. Schließlich markiert die Streichung von Voltaire und Descartes 1886 Nietzsches Emanzipation und die bewusste Verweigerung jeder Parteinahme. Menschliches erweist sich so als Schiffbruch, aber vielmehr als Aufbruch ins philosophische Leben.