Eine Poetik der Liebe in bedrohter Zeit
摘要
Mit dem Madonnengedicht schreibt Hölderlin wahrscheinlich während seines zweiten Aufenthalts in Homburg seine letzte immanente Poetik. Sie sollte seine allzu idealistische Dichtung in ein Verhältnis bringen zur bisher abgelehnten Wirklichkeit. Nur so kann Dichtung zu Beginn einer restaurativen Epoche die Ideale der Französischen Revolution an die Zukunft weitergeben, damit „Menschenharmonie“ geschaffen wird. Im „Allvergessen“ kündigt sich eine neue Dichtung im Zeichen der liebenden Madonna an, die auf die „Versöhnung“ von Ideal und Realität setzt. Mit dem Madonnengedicht folgt Hölderlin dem „Fortschrittsimperativ“ der Aufklärung (Reckwitz), mahnt aber gleichzeitig eine zwischen subjektivem Ideal und objektiv Wirklichem vermittelnde Haltung an, die auch dem im Anthropozän lebenden modernen Menschen eine Freiheit bewahrt, die von Redecker „Bleibefreiheit“ nennt. Nur im „liebenden“ Ausgleich der Gegensätze kann der Mensch „bleiben“.