„Niemals ziehst Du das Wasser aus der Tiefe dieses Brunnens“. Kafkas Buchstaben im Konvolut 1920 als eigenmächtige Erzählfiguren
摘要
Kafkas Interesse am einzelnen Buchstaben ist kein Geheimnis. Aus Wortzusammenhängen emanzipierte Buchstaben – am berühmtesten wohl sein „K“ – besiedeln seine Texte. Die Tagebücher und Briefe sind an Überlegungen zur Wirkung buchstäblicher Prinzipien reich. Der hier vorliegende Beitrag ist der konkreten Realisierung einzelner Buchstaben der Handschrift Kafkas gewidmet. Er führt anhand zahlreicher Abbildungen vor, welcher semantische Spielraum sich in den bildlichen Strukturen der Zeichen entfaltet. Vor dem Hintergrund Kafkas eigener Notizen über Schrift und Schreiben wird argumentiert, dass sich einerseits ganze Erzählzusammenhänge aus der Form der Buchstaben, bzw. aus dem Buchstaben als Form entwickeln lassen. Andererseits können die Buchstaben selbst als eigenmächtige Handlungsträger ihrer Texte fungieren. Als Grundlage der Untersuchung dienen ausgewählte Passagen des sog. Handschriftenkonvoluts 1920, deren Abbildungen hier größtenteils zum ersten Mal veröffentlicht werden.