Welchen Fakten tut es besser, zu Fiktionen zu werden?
摘要
Als Gegentendenz zur Deiktionalisierung wird in diesem Kapitel die Fiktionalisierung untersucht. Sie beruht darauf, dass Objekten mit berechtigtem Realitätsanspruch dennoch ein fiktionaler Status aufgezwungen wird. Je nach Motivation lassen sich drei Grundvarianten dieser Operation unterscheiden. Die statusverschleiernde Fiktionalisierung kommt dann vor, wenn direkte Bekanntgabe faktualer Inhalte unerwünschte Konsequenzen nach sich ziehen würde; um diese zu meiden, präsentiert man die fraglichen Mitteilungen als der Fiktion zugehörig, wie das in der Schlüsselkunst passiert. Fiktionalen Status faktualen Kommunikaten zu verleihen, die ihren Wahrheitsanspruch verloren haben, erfolgt bei der ehrenrettenden Fiktionalisierung, die sowohl auf Einzelwerke, wie falsche Autobiographien, als auch auf ganze obsolet gewordene Diskurse, wie Alchemie oder Psychoanalyse, angewandt werden kann. Dies freilich nur dann, wenn Vorbehalte ethischer (Vertretbarkeit) oder ästhetischer (Originalität) Natur aus dem Wege geräumt sind. Mit der statuskreierenden Fiktionalisierung haben wir es dann zu tun, wenn die Faktualität des jeweiligen Kommunikats relevante Interessen einer Gesellschaft gefährdet, wie das etwa bei Projekten radikaler Wirklichkeitstransformationen der Fall ist, die als Utopien Faszination verdienten, als politische Programme dagegen inakzeptabel sind; sie zu fiktionalisieren käme der Neutralisierung ihrer destruktiven Potenziale gleich. Daher wird diese Fiktionalisierungsvariante nicht nur deskriptiv präsentiert (Neue Slowenische Kunst, Jonathan Meese, Hate Poetry Slam), sondern auch als Postulat nahegelegt.