Der dritte Roman von John Williams (1922–1994) war unter amerikanischen Akademiker*innen lange Zeit eine Art Kultbuch mit einer Gefolgschaft im Untergrund (vgl. Livatino 2010, 417), bis er vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung in der Reihe der New York Review of Books Classics wieder aufgelegt wurde und schnell den Status eines internationalen Bestsellers erlangte. Williams erzählt darin die Lebensgeschichte seiner Titelfigur William Stoner (1891–1956), eines Einzelkindes fleißiger und bitterarmer Bauern im Mittleren Westen, das auf Anraten eines landwirtschaftlichen Agenten auf die Universität geschickt wird, um neue Methoden zu lernen, die es der Familie ermöglichen sollten, einen besseren Ertrag aus der kargen Erde zu erwirtschaften. Sein Studium hat also ursprünglich diesen praktischen weltgewandten Zweck. Einmal an einem Ort höheren Lernens besucht der Neunzehnjährige ein auch für Studierende naturwissenschaftlicher Fächer obligatorisches Einführungseminar in Literatur und fühlt, wie sein innerstes Wesen zum allerersten Mal schlagartig angesprochen wird (vgl. Mewshaw 2015, 17). Es ist eine Erweckung zum Leben und der Anfang einer Liebesaffäre sowohl mit der Literatur als auch mit der Universität. Stoner wechselt zur Anglistik, schreibt anschließend eine Doktorarbeit, fängt zu unterrichten an und bekommt nach der Veröffentlichung seines Buches eine feste Anstellung an der gleichen Universität, wo er noch dreßsig Jahre bis zu seinem Tod arbeiten wird. Seine Laufbahn ist alles andere als glorreich im herkömmlichen Sinne: Er wird nie befördert, ihm wird nie ein verantwortungsvolles Amt anvertraut, die Niederlage in einem entscheidenden Machtkampf mit seinem künftigen Vorgesetzten führt dazu, dass er seine Talente als Lehrer nie voll entfaltet, er schreibt kein zweites Buch und stirbt, kurz bevor er in den Ruhestand tritt. Das Leben eines Wissenschaftlers ist an äußeren Ereignissen meist arm, dieses wird von weltgeschichtlichen Geschehnissen wie den beiden Weltkriegen und dem Börsenkrach von 1929 nur indirekt geprägt. Trotzdem ist Stoners Lebensgeschichte als eine Art säkularisierter Heiligenvita tief ergreifend.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

John Williams: Stoner (1965)

  • Julian Preece

摘要

Der dritte Roman von John Williams (1922–1994) war unter amerikanischen Akademiker*innen lange Zeit eine Art Kultbuch mit einer Gefolgschaft im Untergrund (vgl. Livatino 2010, 417), bis er vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung in der Reihe der New York Review of Books Classics wieder aufgelegt wurde und schnell den Status eines internationalen Bestsellers erlangte. Williams erzählt darin die Lebensgeschichte seiner Titelfigur William Stoner (1891–1956), eines Einzelkindes fleißiger und bitterarmer Bauern im Mittleren Westen, das auf Anraten eines landwirtschaftlichen Agenten auf die Universität geschickt wird, um neue Methoden zu lernen, die es der Familie ermöglichen sollten, einen besseren Ertrag aus der kargen Erde zu erwirtschaften. Sein Studium hat also ursprünglich diesen praktischen weltgewandten Zweck. Einmal an einem Ort höheren Lernens besucht der Neunzehnjährige ein auch für Studierende naturwissenschaftlicher Fächer obligatorisches Einführungseminar in Literatur und fühlt, wie sein innerstes Wesen zum allerersten Mal schlagartig angesprochen wird (vgl. Mewshaw 2015, 17). Es ist eine Erweckung zum Leben und der Anfang einer Liebesaffäre sowohl mit der Literatur als auch mit der Universität. Stoner wechselt zur Anglistik, schreibt anschließend eine Doktorarbeit, fängt zu unterrichten an und bekommt nach der Veröffentlichung seines Buches eine feste Anstellung an der gleichen Universität, wo er noch dreßsig Jahre bis zu seinem Tod arbeiten wird. Seine Laufbahn ist alles andere als glorreich im herkömmlichen Sinne: Er wird nie befördert, ihm wird nie ein verantwortungsvolles Amt anvertraut, die Niederlage in einem entscheidenden Machtkampf mit seinem künftigen Vorgesetzten führt dazu, dass er seine Talente als Lehrer nie voll entfaltet, er schreibt kein zweites Buch und stirbt, kurz bevor er in den Ruhestand tritt. Das Leben eines Wissenschaftlers ist an äußeren Ereignissen meist arm, dieses wird von weltgeschichtlichen Geschehnissen wie den beiden Weltkriegen und dem Börsenkrach von 1929 nur indirekt geprägt. Trotzdem ist Stoners Lebensgeschichte als eine Art säkularisierter Heiligenvita tief ergreifend.