Verzeichnisse schreiben
摘要
„Heute hab ich auf der Strasse Herrn Joachim Schwabe gesehen, er schreibt iezt den Meßcatalogus.“ – Mit dieser knappen Bemerkung berichtet der 24jährige Theologiestudent und Nachwuchsschriftsteller Johann Martin Miller am 13. Oktober 1774 aus Leipzig seinem Freund und Kollegen Johann Heinrich Voß in Göttingen von einer Begegnung, deren Erwähnung im Kontext seines Briefes mit erkennbarer Herablassung formuliert und bei aller Beiläufigkeit nicht anders als spöttisch zu verstehen ist, zumal Miller – der mit Geburtsjahr 1750 derselben Generationslagerung wie Goethe angehört und 1772 den Göttinger Hainbund mitbegründet hatte – noch wenige Zeilen zuvor voller Ungeduld nach Neuigkeiten über den verehrten Meister Klopstock fragt. Der kurz darauf als Kontrastfigur erwähnte Johann Joachim Schwabe dagegen, der zum Zeitpunkt der Begegnung bereits im 60. Lebensjahr steht, durfte noch immer als der „getreueste Schildknappe“ Johann Christoph Gottscheds gelten, dessen Schule in den 1770er Jahren längst zur Arrièregarde des Literaturbetriebs rechnete. Allerdings ist mit dieser leichthin vorgenommenen Positionierung vonseiten Millers mehr als nur ein Generationenkonflikt angedeutet: Hier urteilt mit dem Hainbündler nicht nur der Vertreter einer zeitgenössischen Avantgardebewegung und zudem ein designierter Bestsellerautor – sein 1776 veröffentlichter Roman Siegwart. Eine Klostergeschichte wird neben dem Werther eines der Erfolgsbücher der Epoche werden – über einen hoffnungslos aufs Altenteil geschobenen „Erzgottschedianer“. Hier spricht auch einer, der schon bald selbst im Messkatalog stehen wird, über einen, der letzteren nicht einmal mehr „schreibt“, weil es dabei buchstäblich nichts zu schreiben gibt, was mit der Praxis literarischen Schreibens, wie es Miller betreibt, auch nur annähernd zu vergleichen gewesen wäre.