Raben
摘要
Wer mit der ersten Zeile aus Goethes Ballade Erlkönig (1782) im Sinn oder Hintersinn – „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ –, die vielleicht aus Kindertagen oder einem Schulbuch ins Gedächtnis ragt; wer so, mit dieser Zeile unter andern Zeilen aus demselben oder anderen Gedichten, vielleicht wie Hannah Arendt, die an einer Stelle ihres Fernsehgesprächs mit Günter Gaus (1964) andeutet oder weiß, indem sie lachend die Sprache wechselt, „[i]m Deutschen kenne ich einen ziemlich großen Teil deutscher Gedichte auswendig. Die [sind –, die] bewegen sich da immer irgendwie im Hinter-[,] in the back of my mind“; wer also so, eines Tages oder Nachts, durch Zufall oder unzufällig, auf die erste Szene im fünften Akt von Shakespeares The Merchant of Venice stößt, wird unweigerlich von einem Rhythmus heimgesucht: „Who comes so fast in silence of the night?“ Es ist Lorenzo, dessen Stelldichein mit Jessica, zur Nacht, durch näherkommende Schritte eines Mannes unterbrochen wird. Lorenzos Frage in die Nacht voraus aber geht nicht nur die anfangende Begegnung der Liebenden, sondern eine auf die Stimmen von Lorenzo und Jessica verteilte Wechselrede, synkopiert durch den Refrain ‚In such a night‘, die, aus fast unvordenklicher Vergangenheit erinnert, andere Nächte, aus Mythen und Epen zitiert, wiederkehren und Revue passieren, einander überlagern oder ablösen lässt.