Einleitung
摘要
Sucht man in antiken und frühneuzeitlichen Poetiken nach einem verbindenden Formkriterium der Dichtung, dann stößt man schnell auf den gattungsgerechten Gebrauch festgelegter Verstypen. Aristoteles, Horaz, Boileau oder Gottsched, so unterschiedlich ihre Auffassung von der Dichtung als Nachahmung, als Affektausdruck und Affektmobilisierung oder als delectare et prodesse auch sein mögen, siedeln die Dichtung fast ganz im Bereich der Versrede an. So werden stilistische und generische Zuordnungen nicht nur über die Wahl der Stoffe und ihre sprachliche Behandlung, sondern vor allem über die Verwendung verschiedener Versmaße – bei Aristoteles: metron, bei Horaz: numerus – getroffen. Nun ist zwar nicht alles, was in Versen abgefasst wurde, auch Dichtung. Den Empedokles etwa, der „Medizinisches oder Naturwissenschaftliches in Versen darstellt“, hält Aristoteles keineswegs für einen Dichter, sondern für einen Naturforscher. Was Dichtung sein will, sollte aber bis auf wenige Ausnahmen in Versen verfasst sein. Wo umgekehrt die Prosa in ihren formalen Eigenheiten beschrieben wird, dort ist nicht die Poetik, sondern das Regelwerk der Rhetorik zuständig. Die Definition der Prosa als vorausgewendeter und stetig voranlaufender Rede (provorsa) statt als umgebrochener, sich immer wieder umwendender Rede (versus) findet sich zuerst in den antiken Redelehren. Das Verhältnis von Vers und Prosa erscheint dabei als das eines wechselseitigen Ausschlusses: „der poetische Stil“, so Aristoteles, ist „für die Prosarede nicht passend“. Prosa bezeichnet offenbar einen Sprachgebrauch, der sich primär darüber bestimmen lässt, dass er nicht poetisch ist.