12. Anhang: Vorlesen und stilles Lesen in Antike und Mittelalter
摘要
Lange herrschte in den Altertumswissenschaften und der Mittelalterforschung die Anschauung vor, daß in der griechischen und römischen Antike sowie in Mittelalter und früher Neuzeit Texte grundsätzlich laut vorgelesen wurden, nicht zuletzt wegen der Schwierigkeiten einer Entzifferung der damals gebrauchten Scriptio continua, also einer Schriftform ohne Interpunktion und Wortabgrenzung. Das stille Lesen sei so gut wie unbekannt geblieben. Neuere Forschung haben dieses Dogma revidiert und gezeigt, daß lautes Vorlesen und stilles Vorlesen schon in der Antike komplementäre Rezeptionsweisen von Texten gewesen sind. Das Medium determiniert also keineswegs den Gebrauch, den man von ihm macht, wie dies ältere medien- und buchwissenschaftliche Forschungen unterstellt haben. Als elementare Kulturtechniken werden Lesen und Vorlesen vielmehr je nach Zielsetzung und soziokulturellem Kontext komplementär eingesetzt.