Warum brauchen Menschen Rhetorik? Sie wurde entwickelt, um Mitmenschen zu beeinflussen, sich in Versammlungen durchzusetzen, Krieger zu motivieren oder sich an die Götter zu wenden. Rhetorik ist die Kunst wirksamen Sprechens und Schreibens. Das System der antiken Rhetorik unterscheidet drei Stilhöhen (humile, medium, sublime), drei Gattungen (politische, juristische, artistische Rede), vier Teile einer Rede (Einleitung, Schilderung, Beweisführung, Schluss), fünf Arbeitsschritte des Redners (Finden, Gliedern, Gestalten, Auswendiglernen, Vortragen) und je nach Konzeption drei bis fünf Wirkungen (Darlegen, Bewegen, Einnehmen; Gefallen und Einprägen). Eine Rede wirkt als Psychagogie (Seelenlenkung) auf die Emotionen der Zuhörenden. Für ihre formale Gestaltung (elocutio) durch schmückende Elemente (ornatus) werden Tropen und Figuren unterschieden. An einer durchkomponierten politischen Rede bei Shakespeare und an einer improvisierten ‚Wutrede‘ des Fußballtrainers Giovanni Trapattoni veranschaulichen wir uns die enorme Dichte rhetorischer Tropen und Figuren sowie das Verhältnis von Kalkulation und Spontaneität. Die Geschichte der Rhetorik seit dem griechischen und römischen Altertum (Gorgias, Aristoteles; Cicero, Quintilian) ließ indes einige empirische Fragen offen, die erst die experimentelle Rhetorik mit den Mitteln der Neurowissenschaften zu erforschen beginnt.

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Fünfter Theoriekurs – Rhetorisch lesen

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Warum brauchen Menschen Rhetorik? Sie wurde entwickelt, um Mitmenschen zu beeinflussen, sich in Versammlungen durchzusetzen, Krieger zu motivieren oder sich an die Götter zu wenden. Rhetorik ist die Kunst wirksamen Sprechens und Schreibens. Das System der antiken Rhetorik unterscheidet drei Stilhöhen (humile, medium, sublime), drei Gattungen (politische, juristische, artistische Rede), vier Teile einer Rede (Einleitung, Schilderung, Beweisführung, Schluss), fünf Arbeitsschritte des Redners (Finden, Gliedern, Gestalten, Auswendiglernen, Vortragen) und je nach Konzeption drei bis fünf Wirkungen (Darlegen, Bewegen, Einnehmen; Gefallen und Einprägen). Eine Rede wirkt als Psychagogie (Seelenlenkung) auf die Emotionen der Zuhörenden. Für ihre formale Gestaltung (elocutio) durch schmückende Elemente (ornatus) werden Tropen und Figuren unterschieden. An einer durchkomponierten politischen Rede bei Shakespeare und an einer improvisierten ‚Wutrede‘ des Fußballtrainers Giovanni Trapattoni veranschaulichen wir uns die enorme Dichte rhetorischer Tropen und Figuren sowie das Verhältnis von Kalkulation und Spontaneität. Die Geschichte der Rhetorik seit dem griechischen und römischen Altertum (Gorgias, Aristoteles; Cicero, Quintilian) ließ indes einige empirische Fragen offen, die erst die experimentelle Rhetorik mit den Mitteln der Neurowissenschaften zu erforschen beginnt.