Vierte Lesewerkstatt – Was ist episch an Brechts Dreigroschenoper?
摘要
Die vierte Lesewerkstatt stellt Bertolt Brechts Dreigroschenoper (1928) als Beispiel für sein Episches Theater vor, das als Antwort auf die Krise des Dramas im 19. Jahrhundert, das an der alten dramatischen Form festhielt, obwohl es inzwischen epische Inhalte verhandelte, neue formale Lösungen bot. Ausgangspunkt ist Peter Szondis Konzept des absoluten Dramas, das rein zwischenmenschliche Konflikte ohne äußere Bezüge darstelle, in der industriellen Moderne aber keine angemessenen Ausdrucksformen für die gewandelten gesellschaftlichen und psychologischen Inhalte mehr besaß. Brechts Theater integriert diese epischen Themen, indem es auch epische Formen entwickelt. Es nutzt erzählerische Elemente, fordert das Publikum durch Texte auf der Bühne zum analytischen Lesen auf, unterläuft die von Aristoteles und Lessing konzipierte Wirkung von Katharsis und Mitleid und bricht gezielt die Theaterillusion. Die Dreigroschenoper (1928) thematisiert mit Verfremdungseffekten, Songs, sichtbarem Bühnenumbau und direkter Publikumsansprache soziale Missstände und die Abhängigkeit des Menschen von materiellen Verhältnissen. Mit wiederholten Motiven, zyklischer Handlung und ironischen Selbstbezügen wird das Publikum zu kritischer Reflexion angeregt. Brechts Stück verbindet Unterhaltung mit Gesellschaftskritik und veranschaulicht, wie epische Verfahren das Schauspiel für epische Inhalte öffnen.