Vor dem Hintergrund von Aristoteles’ Poetik und Walter Burkerts kulturgeschichtlicher Tragödientheorie führt die dritte Lesewerkstatt am Beispiel von Aischylos’ Orestie die Entwicklung von kultischen Opferungen zur attischen Tragödie vor – als Übergang von rituellen Tötungen zu symbolischer Theaterhandlung und von archaischer Blutrache zu rechtsstaatlicher Ordnung. Die Analyse des Agamemnon, des ersten Teils der Trilogie, zeigt, wie Klytaimestra ihren Mord an Agamemnon vergeblich als Opferritual inszeniert. In ihren Motiven reflektiert die Tragödie ihre Ursprünge in Jagd und Ritus. Sie veranschaulicht so den kulturellen Wandel von kollektiver Gewalt zu sublimierter Theatererfahrung, in der gesellschaftliche Aggressionen nicht mehr ausagiert, sondern kathartisch geläutert werden. Historisch symbolisiert die Orestie einen Prozess der Modernisierung in Athen in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus: Politisch vollzieht sich der Übergang von autokratischen Herrschaftsformen zur Demokratie; religionsgeschichtlich werden archaische Elementargottheiten wie die Erinyen ersetzt durch die Olympischen Götter wie Apollon und Athene, und auch diese werden zunehmend verweltlicht; juristisch wird eine ungeregelte Selbstjustiz durch die Einsetzung von Geschworenengerichten zurückgedrängt; kulturgeschichtlich wird der Wandel vom Mutter‐ zum Vaterrecht vollzogen. Im Medium der öffentlichen Theateraufführung schildert die Orestie einen Fortschritt, mit dem sich die athenische Gesellschaft über ihre Zivilisation verständigt. Als literaturgeschichtliches Modell ist Aischylos’ Trilogie Teil eines Netzwerks intertextuell verbundener Werke, zu denen Homers Odyssee und Shakespeares Hamlet gehören.

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Dritte Lesewerkstatt – Wie inszeniert Aischylos die Entstehung der Demokratie?

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Vor dem Hintergrund von Aristoteles’ Poetik und Walter Burkerts kulturgeschichtlicher Tragödientheorie führt die dritte Lesewerkstatt am Beispiel von Aischylos’ Orestie die Entwicklung von kultischen Opferungen zur attischen Tragödie vor – als Übergang von rituellen Tötungen zu symbolischer Theaterhandlung und von archaischer Blutrache zu rechtsstaatlicher Ordnung. Die Analyse des Agamemnon, des ersten Teils der Trilogie, zeigt, wie Klytaimestra ihren Mord an Agamemnon vergeblich als Opferritual inszeniert. In ihren Motiven reflektiert die Tragödie ihre Ursprünge in Jagd und Ritus. Sie veranschaulicht so den kulturellen Wandel von kollektiver Gewalt zu sublimierter Theatererfahrung, in der gesellschaftliche Aggressionen nicht mehr ausagiert, sondern kathartisch geläutert werden. Historisch symbolisiert die Orestie einen Prozess der Modernisierung in Athen in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus: Politisch vollzieht sich der Übergang von autokratischen Herrschaftsformen zur Demokratie; religionsgeschichtlich werden archaische Elementargottheiten wie die Erinyen ersetzt durch die Olympischen Götter wie Apollon und Athene, und auch diese werden zunehmend verweltlicht; juristisch wird eine ungeregelte Selbstjustiz durch die Einsetzung von Geschworenengerichten zurückgedrängt; kulturgeschichtlich wird der Wandel vom Mutter‐ zum Vaterrecht vollzogen. Im Medium der öffentlichen Theateraufführung schildert die Orestie einen Fortschritt, mit dem sich die athenische Gesellschaft über ihre Zivilisation verständigt. Als literaturgeschichtliches Modell ist Aischylos’ Trilogie Teil eines Netzwerks intertextuell verbundener Werke, zu denen Homers Odyssee und Shakespeares Hamlet gehören.