Dritter Theoriekurs – Tragisch lesen
摘要
Warum spielen Menschen seit zweieinhalbtausend Jahren Theater? Walter Burkert zufolge entstand die Tragödie aus dem Opferritual, dessen Gewalt sie in eine symbolische Handlung übersetzt. Ihre Funktion besteht in Triebabfuhr und Gemeinschaftsbildung. Entsprechend beschrieb Aristoteles in seiner Poetik die affektive Wirkung der Tragödie als Katharsis. Ein tragischer Held, der überdurchschnittlich ist, aber nicht ideal, sondern fehlerhaft, begeht in einer schwierigen Situation einen tragischen Fehler, der seinen Untergang herbeiführt. Die Zuschauer, die sich mit ihm identifizieren und seinen Fall auf sich übertragen, erleben „Furcht“ und „Mitleid“ und im Ergebnis eine „Reinigung“ ihres Gefühlshaushalts. Aufgeführt wurden die antiken Tragödien bei öffentlichen Wettbewerben in Athen in einer hochgradig symbolischen Theaterarchitektur. Ihre Form kennzeichnet ein regelmäßiger Wechsel zwischen Figurenhandlung (Prolog, Epeisodion) und Chorpartien (Parodos, Stasimon, Exodos). Feste Elemente sind Agon und Stichomythie als Formen der Auseinandersetzung, Mauerschau und Botenbericht zur Mitteilung äußerer Ereignisse, Ekkyklema und Mechane als Theatermaschinen. Friedrich Nietzsche entwarf in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) eine Theorie von der Entstehung und vom Ende der antiken Tragödie und fragte nach der Möglichkeit ihrer ‚Wiedergeburt‘ in der Moderne.