Interdisziplinarität wird allenthalben gefordert, aber sie stößt in der Praxis auf Hindernisse. Gerade die Geisteswissenschaften hegen oft eine Scheu gegenüber der Zusammenarbeit mit empirischer Sozialforschung und experimenteller Naturwissenschaft. Die Rezeptionsästhetik versuchte theoretisch und hermeneutisch, Literatur und Literaturgeschichte von ihrer Wirkung auf die Lesenden her zu erfassen. Aber erst mit den Mitteln der empirischen Psychologie und der experimentellen Neurowissenschaft können wir diese Wirkung tatsächlich erforschen. Der Dichter Raoul Schrott und der Neurowissenschaftler Arthur Jacobs bezeichnen das Lesen als eine milde Form ‚psychosomatischer Erkrankung‘: als physische Einwirkung auf unsere Körper, Gehirne und Nervensysteme. Für die systematische Erfassung dieser Wirkung stehen verschiedene Methoden zur Verfügung: Befragung, Schieberegler, Pupillometrie, Blickbewegung, Puls, Blutdruck, EKG, EDA, EMG, Stresshormonmessung, EEG und fMRT. Ihre Möglichkeiten werden erläutert am Beispiel zweier Studien zu den Effekten paratextueller Informationen auf den Verarbeitungsprozess („Fakt vs. Fiktion“) bzw. zum Verhältnis von Figuration und Persuasion (ausgehend von Cicero, am Beispiel einer Rede von Barack Obama).

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Dreizehnter Theoriekurs – Empirisch lesen

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Interdisziplinarität wird allenthalben gefordert, aber sie stößt in der Praxis auf Hindernisse. Gerade die Geisteswissenschaften hegen oft eine Scheu gegenüber der Zusammenarbeit mit empirischer Sozialforschung und experimenteller Naturwissenschaft. Die Rezeptionsästhetik versuchte theoretisch und hermeneutisch, Literatur und Literaturgeschichte von ihrer Wirkung auf die Lesenden her zu erfassen. Aber erst mit den Mitteln der empirischen Psychologie und der experimentellen Neurowissenschaft können wir diese Wirkung tatsächlich erforschen. Der Dichter Raoul Schrott und der Neurowissenschaftler Arthur Jacobs bezeichnen das Lesen als eine milde Form ‚psychosomatischer Erkrankung‘: als physische Einwirkung auf unsere Körper, Gehirne und Nervensysteme. Für die systematische Erfassung dieser Wirkung stehen verschiedene Methoden zur Verfügung: Befragung, Schieberegler, Pupillometrie, Blickbewegung, Puls, Blutdruck, EKG, EDA, EMG, Stresshormonmessung, EEG und fMRT. Ihre Möglichkeiten werden erläutert am Beispiel zweier Studien zu den Effekten paratextueller Informationen auf den Verarbeitungsprozess („Fakt vs. Fiktion“) bzw. zum Verhältnis von Figuration und Persuasion (ausgehend von Cicero, am Beispiel einer Rede von Barack Obama).